Dennis Bühler – Journalist

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«Mit einem Mann wäre man anders umgesprungen»

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Am Physikdepartement der ETH Zürich gibt es zwei ordentliche Professorinnen. Die eine, Marcella Carollo, soll entlassen werden. Die andere, Ursula Keller, kritisiert diesen Entscheid – und die Hochschule – scharf. Sie spricht von gravierenden Führungsmängeln, Sexismus und Korruption.

Ein Interview, erschienen am 22. März 2019 im Onlinemagazin Republik und geführt gemeinsam mit Silvan Aeschlimann und Dominik Osswald.

Frau Keller, vor einer Woche hat ETH-Präsident Joël Mesot bekannt gegeben, dass er dem ETH-Rat die Entlassung der Astronomie-Professorin Marcella Carollo beantragen wird. Wie wird die Aufsichts­behörde entscheiden?

Vermutlich entspricht der ETH-Rat dem Wunsch von Präsident Mesot und entlässt Marcella Carollo. Doch das wäre eine schlechte Entscheidung, die der ETH schadet.

Weshalb?

Es gab im «Fall Carollo» viel zu viele Ungereimtheiten, als dass man die Professorin mit gutem Gewissen entlassen könnte. Sagt der ETH-Rat Ja zum Antrag der Schul­leitung, heisst er gut, dass rechtsstaatliche Grund­prinzipien innerhalb der Hochschule systematisch missachtet werden – das darf sich eine der renommiertesten Institutionen des Landes nicht erlauben.

Können Sie das ausführen?

Was Marcella Carollo widerfahren ist, zeigt exemplarisch, was hinter den Mauern der ETH schiefläuft. Die Wahrheits­findung findet an der Hochschule gegenwärtig wie folgt statt: Wenn genügend Personen einen Vorwurf wiederholen, wird er zur Wahrheit erkoren – Fakten spielen keine Rolle mehr. Das ist nicht nur für betroffene Professoren problematisch.

Sondern?

Für die ETH als Institution – und die Schweiz als Wissenschafts­standort. Kein ausländischer Professor von internationaler Exzellenz will an so eine Hochschule wechseln. Mit der Zeit wird die ETH so zum Mittelmass. Was wir gegenwärtig erleben, ist der Anfang vom Untergang.

Weiterlesen (online)…

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Written by Dennis Bühler

5. Mai 2019 at 09:00

Das Versagen

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An der ETH soll eine Astronomie-Professorin ihre Doktoranden über Jahre gemobbt haben. Jetzt wird sie entlassen, obwohl die Schuldfrage nie geklärt wurde. Wie eine Institution von Weltruf alles verrät: die Professorin, die Unschuldsvermutung, sich selbst. Der Fall ETH, Teil 1.

Eine Langzeitrecherche, erschienen ab dem 19. März 2019 als mehrteilige Serie im Onlinemagazin Republik und geschrieben gemeinsam mit Silvan Aeschlimann und Dominik Osswald.

Sonntagmorgen, 22. Oktober 2017, der milde Spätsommer hat über Nacht ein abruptes Ende gefunden. Marcella Carollo greift noch im Bett nach ihrem Tablet. Sie ruft ein News­portal auf – und erstarrt.

«Mein erster Gedanke?» Etwas mehr als ein Jahr später, im Dezember 2018: Carollo sitzt in ihrem Wohn­zimmer, die Atmosphäre ist düster. Draussen hat der Nebel die Landschaft fest im Griff, man sieht kaum bis zum Nachbarn. Die Läden ihres Hauses im Zürcher Unterland sind ohnehin meistens unten. Überall schwere Teppiche, antike Möbel, schwarzweisse Bilder.

«Zuerst war da nur Leere», erinnert sie. «Dann ein stechender Schmerz. Das Atmen fiel mir schwer, es war, als würde ich in Sekunden­schnelle in ein tiefes Loch gesogen. Mein Mann hielt mich in seinen Armen, wie lang, weiss ich nicht. Irgendwann formten sich erste Gedanken: Wie kann es weitergehen? Kann es überhaupt weitergehen?»

Was Marcella Carollo an jenem Sonntag­morgen liest, verändert ihr Leben: «Eklat an der ETH: Professorin mobbt Studenten», prangt in dicken schwarzen Lettern auf der Titelseite der «NZZ am Sonntag». Zwar gibt die Zeitung der Professorin einen falschen Namen, um sie zu anonymisieren. Doch wer wissen will, wer «Gabriela M.» wirklich ist, findet mit zwei Klicks im Internet ihre wahre Identität heraus: Marcella Carollo, damals 54-jährig, seit 2002 am Institut für Astrophysik der ETH Zürich tätig – eine Mobberin.

(…)

Die Republik hat den Fall über ein halbes Jahr recherchiert, sprach mit den involvierten Personen, las Befragungs­protokolle, E-Mails, Briefe – rund 3000 Seiten Dokumente. Darunter zehn der zwölf geheimen Testimonials, die nur dem innersten ETH-Zirkel zugänglich sind. Carollo gehört nicht dazu: Ihr werden die Vorwürfe im ursprünglichen Wortlaut bis heute vorenthalten.

Ist die Professorin schuldig?

Oder ist sie das Opfer einer «rachsüchtigen Doktorandin», wie sie selbst behauptet?

Liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?

Weiterlesen (online)…

Weiterlesen (Teil 2 und 3 der Serie sowie einige weitere Nachzüge)…

Written by Dennis Bühler

1. Mai 2019 at 10:00