Dennis Bühler – Journalist

Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen aus Politik, Gesellschaft und Sport

Archive for the ‘unpublizierte Texte’ Category

Lammfinken, Felle, Krippenfiguren

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Im Schatten des edelsteinernen Swarovski-Weihnachtsbaumes verkauft Amos Grädel Wollwaren. Seit seiner Geburt schläft er selbst auf Fellen, dereinst könnte er die Schaffarm der Eltern übernehmen.

Ein Schauplatz, geschrieben im Dezember 2011 am maz – Die Schweizer Journalistenschule (unveröffentlicht).

„Wir haben auch einen Onlineshop“, sagt Amos Grädel, Wollverkäufer aus 4953 Huttwil. „Oder, falls Sie am Wochenende mal Zeit haben: Ab zehn Personen bieten wir Betriebsführungen an. Da können Sie live dabei sein, wenn die Schafe geschoren werden.“ Die beiden Frauen, schwarz gekleidet, Brillen mit roten Rändern, – Schwestern wohl –, streichen ein letztes Mal über das golden schimmernde Lammfell, pflanzlich gegerbt, nicht waschbar. „Ja“, sagt die eine zur anderen, „das wäre etwas für unseren Mütterverein. Kann man auf Ihrem Hof auch übernachten?“

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10. Dezember 2011 at 14:00

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Prominente prominenter machen

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Vom Geschäft mit Buchstaben zum Unterhaltungskonzern: Der Ringier Verlag berät Sportler, Models und Moderatoren, über die seine Blätter schreiben. Kritiker sehen die publizistische Freiheit gefährdet – und damit die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche.

Die Analyse eines umstrittenen Geschäftsmodells, geschrieben im November und Dezember 2011 am maz – Die Schweizer Journalistenschule (unveröffentlicht).

In einem grossen, zweiseitigen Interview  bot der SonntagsBlick Fabian Cancellara im April 2011 an prominentester Stelle – gleich in den ersten zwei Fragen – Gelegenheit, um für sein neu erschienenes Buch zu werben. „Journalistisch ist das absolut korrekt“, sagt Ringier-Kommunikationschef Edi Estermann. „Wir berichten regelmässig über Prominente, die ein neues Buch oder eine CD herausbringen. Das hat nichts mit Pool Position zu tun.“

Mirjam Jäger, eine auch bei Sportinteressierten nahezu unbekannte Freeskierin, erhielt im Blick im Dezember 2010 eine grosse Plattform. Titel der ganzseitigen Geschichte mit Bikini-Fotos: „Heisse Mirjam – Jägerin auf Goldpirsch.“ Untertitel: „Ihr Anblick bringt die eisigste Piste zum Schmelzen: Freeski-Schönheit Mirjam Jäger kann unser neues Golden-Girl werden.“ Eine Anmerkung, dass Jäger bei Pool Position und damit Ringier unter Vertrag steht, fehlte. „Korrekte Vorgehensweise“, sagt Estermann. Sollte im Sinne der Transparenz gegenüber den Lesern nicht auf das vertragliche Verhältnis hingewiesen werden? „Wenn es die Redaktion als notwendig erachtet, wird dies gemacht.“

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4. Dezember 2011 at 12:00

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Ach, Mensch, Herr Erden

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Kamil Erden hat eine 86-jährige Rentnerin sexuell missbraucht, eine weitere Frau vergewaltigt, bei einer dritten blieb es beim Versuch. Vom Hamburger Landgericht wurde der Triebtäter gestern verurteilt – und reagierte gleichgültig.

Das Hamburger Landgericht (Foto: Claus-Joachim Dickow, Wikipedia)

Eine Gerichtsreportage, geschrieben im Januar und Februar 2011 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Schwach schimmert die Sonne durch die staubigen Fenster in den Saal Nummer 209 des Hamburger Landgerichts. Kamil Erden, geboren am 23.8.1980, wird ins Zimmer geführt, die Handschellen werden ihm abgenommen, er setzt sich auf die Anklagebank in der Mitte des Raumes, seine dicken Hände legt er auf den grauen Tisch vor ihm. Die olivgrüne Jacke, die ihn noch dicker macht, zieht er nicht aus. Mein Mandant macht heute einen ausge­sprochen schläfrigen Eindruck, sagt der Verteidi­ger. Herr Erden, haben Sie Drogen oder Medika­mente zu sich genommen? Ein Beruhigungsmit­tel, sagt der Angeklagte, weil ich heute zum Richter musste. Seine Worte sind kaum zu ver­stehen, er brummelt, er nuschelt. Zudem habe ich die Medizin geschluckt, die ich täglich erhalte.

Herr Erden, drei Straftaten werden Ihnen zur Last gelegt, sagt der Richter. Und die Staatsanwältin, eine junge, gestrenge Frau mit langen blonden Haaren, schürzt die Lippen und beginnt in raschen Sätzen zu erzählen.

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28. Februar 2011 at 12:00

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«Hier heißen alle Weiß»

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Früher wurde mancherorts die Wäscheleine eingezogen, wenn Fahrende in Dörfer kamen. Noch heute sind Sinti Opfer von Vorurteilen. Und im Mai 2012 kommen neue Roma aus Südosteuropa.

Ein Feature, geschrieben im November und Dezember 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Die Spurensuche führt nach Wilhelmsburg, südlich der Elbe. Sehr ruhig ist es hier, fast schon ländlich, Backsteinromantik. In der Siedlung Niedergeorgswerder Deich leben 500 Sinti in 44 Reihenhäusern. An einem Wegrand steht ein fülliger Mann mit Schnurrbart, lässig an einen schwarzen Mercedes gelehnt. „Wir suchen Herrn Weiß“, sagen wir ein wenig schüchtern. Von dem haben wir gelesen, dass er Schulklassen besucht, um Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen. Der Mann mit dem teuren Auto lächelt und fragt: „Welchen sucht ihr denn? Hier heißen alle Weiß.“

Alle seien sie miteinander verwandt und stammten vom selben Urahnen ab, erzählt Max Weiß, der in der Siedlung nur Tausto genannt wird. Der 52-jährige Sinto ist im Wohnwagen aufgewachsen. „Das Bett ist manchmal an der Außenwand des Wohnwagens festgefroren“, erinnert er sich. Sein Vater, der das KZ überlebt hatte, arbeitete im Hamburger Hafen zwei Schichten, um die große Familie durchzubringen. Nie besuchte Max Tausto Weiß eine Schule, früh musste er Geld verdienen. Schreiben, Lesen und Rechnen hat er sich später selbst beigebracht, heute führt er einen eigenen Recyclingbetrieb mit einem dutzend Angestellten. Weiß ist ein Beispiel gelungener Integration – oder vielmehr Assimilation. Mit der Anpassung, so scheint es, geht auch das Zerbröseln der eigenen Kultur einher.

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10. Dezember 2010 at 12:00

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«Mein Bruder hat Džeko angerufen, damit er genügend Trikots nach Hamburg mitnimmt»

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Im gelb-blauen Trainingsanzug des SC Victoria 1895 steht Jasmin Bajramović vor der schmucken Haupttribüne des Stadion Hoheluft im gleichnamigen Hamburger Stadtteil. Der Höhepunkt der 115-jährigen Vereinsgeschichte steht kurz bevor: Im DFB-Pokal empfängt „Vicky“ den Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Ein Interview mit Victoria-Captain Jasmin Bajramovic, geschrieben im Oktober 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Ist das Pokalspiel auf dem Schulhof das grosse Gesprächsthema?

Die Schüler kommen auf mich zu, fragen: „Wie wollen Sie Džeko ausschalten?“ Ich antworte dann jeweils, auszuschalten sei der sowieso nicht. Vielleicht gelingt es mit vereinten Kräften. Ich bin begeistert, wie sich die Schüler mit mir auf das Spiel freuen. Weil viele meiner Schüler im Stadion sein werden, stehe ich natürlich unter einem ganz besonderen Druck (lacht). Viele Schüler wünschen sich Wolfsburger Trikots. Aber zuerst einmal versuche ich natürlich eines für mich selbst zu ergattern. Mein Bruder hat bereits bei Edin Džeko angerufen und ihn gebeten, genügend Trikots nach Hamburg mitzunehmen (lacht).

Wenn man auf der Sternschanze aufwächst: Wie wird man dann Fussballer und nicht Szenegänger?

Früher war das Schanzenviertel ein ganz anderes Quartier als heute. Nun kann man sich da ja auch am Abend mal blicken lassen. Früher war es abends dunkel und auch ein wenig gefährlich. Natürlich gab es damals schon die rote Flora und das linke Milieu. Zlatan und ich waren aber sehr fussballbezogen und haben uns kaum dafür interessiert. Abseits vom Fussballplatz waren wir auf der Schanze einzig unterwegs, um mal einen Döner zu essen (lacht).

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12. Oktober 2010 at 12:00

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Hektik auf dem Marktplatz

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Eine Reportage, geschrieben im Juni 2010 als Bewerbung für den Master of Arts in Journalism am maz – Die Journalistenschule und an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Auf einem Pult liegt ein Plüschelefant, auf einem anderen stehen Salz- und Pfefferstreuer bereit. Über einem Bürostuhl hängt ein Wollpullover, auf einem Tisch sind CDs gestapelt. In einer Fensternische steht ein halb gefüllter Trinkbecher, das Wasser ist abgestanden und trüb geworden. An der Wand hängt der Dienstplan des vergangenen Dezembers. Der Redaktionsraum sieht aus, als wäre er überstürzt verlassen worden. Als ob ihm mit einem Schlag alles Leben ausgehaucht, alles zum ewigen Stillstand verdammt worden wäre. Am 4. Dezember 2009 wurde die Pendlerzeitung News eingestellt. Die Angestellten erfuhren am Morgen, dass sie für den nächsten Tag keine Ausgabe mehr zu produzieren brauchten. Das für denselben Tag anberaumte Weihnachtsessen der Redaktion geriet zur Henkersmahlzeit.

Einige Meter neben dem stillgelegten Grossraumbüro herrscht reger Betrieb. Immer wieder erschallen laute Direktiven, wird quer durch das Zimmer geschrien. Das Geschehen erinnert an einen Marktplatz. Dreissig Journalisten teilen sich den langgezogenen Raum. „Ich habe den Oasis-Artikel auf Position drei herabgestuft“, ruft Stefan Eiselin, Tagesleiter des Newsnetzes, der gemeinsamen Online-Plattform der zur Tamedia gehörenden Printerzeugnisse. „Der Text zur Auflösung der Band hat überhaupt nicht interessiert, im Gegensatz zur Bildstrecke zum Eurovisionsfinale.“ Missmutig nimmt es Olivia Kühni, die Autorin des degradierten Artikels, zur Kenntnis. Argumente gegen den Entscheid ihres Vorgesetzten hat sie nicht. Der Webseismograph nämlich ist unerbittlich; er lügt nie.

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Written by Dennis Bühler

13. Juni 2010 at 12:00

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