Dennis Bühler – Journalist

Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen aus Politik, Gesellschaft und Sport

Archive for the ‘tageszeitung’ Category

«Die Scheiss-Sprossen haben wir auf jeden Mist drauf geklatscht»

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Ein Gastwirt, ein Chefarzt und ein Laborleiter blicken zurück: drei Protagonisten der Ehec-Epidemie und ihre Erinnerungen an die Wochen der Ungewissheit. Aufgezeichnet für die tageszeitung vom 12. Oktober 2011.

Am Morgen des 4. Juni rief mich mein Sohn ganz aufgeregt an. „Papa“, sagte er, „komm schnell her. Bei uns vor dem Kartoffelkeller stehen elf Fernsehstationen aus aller Welt und stellen Fragen zu Ehec.“ Ich bin mit den Journalisten in die Küche gegangen, die durften in jeden Topf rein gucken, jede Speise probieren. Sie durften mit allen Beschäftigen sprechen, auch mit den Gästen. Ich wusste: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Also lasse ich am besten die Hosen herunter. Bei uns im Kartoffelkeller haben sich mindestens 80 Leute mit Ehec angesteckt, eine Frau ist gestorben. Die Scheiß-Sprossen haben wir ja auch auf jeden Mist drauf geklatscht. (…)

Eines Tages titelte die Hamburger Morgenpost: „Rolf Stahl – hat dieser Arzt die Wunderwaffe?“ Ich hatte mit keinem Reporter der Mopo gesprochen, deshalb traf mich die Schlagzeile unvorbereitet. In der Nacht vor Erscheinen dieser Ausgabe hatte ich lange mit der Entscheidung gerungen, den Antikörper Eculizumab einzusetzen. Dies war nämlich nicht ohne Risiko, wusste zu diesem Zeitpunkt doch niemand, ob die Patienten auf diese Behandlungsmethode ansprechen würden. Man stelle sich vor, die Erkrankten hätten sich einige Tage später alle zum Schlechten entwickelt. Was wäre dann gewesen? Der reißerische Zeitungstitel hat mich unter Druck gesetzt, er hat Erwartungen geschürt, die ich nicht erfüllen konnte. In der Medizin gibt es nämlich keine Wunderwaffen, nur schon der Begriff war falsch gewählt. Auch deshalb war mir diese Schlagzeile zuwider. Sie bedrückt mich bis heute. (…)

Lebensmittelkontrolleure zogen teilweise bei Nacht und Nebel los, um Proben aus den Kühlschränken der betroffenen Familien zu holen. Unser Institut und die Gesundheitsbehörde haben die Analyseergebnisse der spanischen Gurken früh öffentlich gemacht, um die Menschen vor den gefundenen Krankheitserregern zu warnen. Wir alle hofften, die Quelle der Epidemie gefunden zu haben. Als einige Tage später die Serotypologie vorlag und sich unser Verdacht nicht bestätigte, waren wir entsprechend ernüchtert. Vorzuwerfen haben wir uns aber nichts. (…)

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12. Oktober 2011 at 12:00

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Erst mal wird gefeiert

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ABSACKER Im „Clochard“ auf der Reeperbahn finden nicht nur Punks, Penner und Alkoholiker eine Heimat. 24 Stunden in einer Hamburger Kneipe, die seit 30 Jahren partout nicht schlafen will.

Eine Reportage, geschrieben gemeinsam mit Adrian Meyer und erschienen am am 24. September 2011 in der tageszeitung.

An einem Freitag, zur Mittagszeit, müffelt der Eingang nach Urin. Der Boden ist klebrig, lange bevor die Eskapaden des Wochenendes über die Reeperbahn hereinbrechen. „Rund um die Uhr geöffnet“ steht über der Tür. Daneben: „Die billige Kneipe auf derMeile“. Oben, im ersten Stockwerk, scheppert HeavyMetal aus den Boxen. Die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit im Raum. An den Wänden kleben Astra-Etiketten, Zeugnisse vieler leer getrunkener Flaschen. Der Dreck des Bodens frisst sich die Holzwände hoch. Der „Clochard“ schwitzt, von all dem Bier, den Tausenden gerauchter Zigaretten. Mitten im Raum wartet ein Kicker auf das nächste Spiel. Dahinter, in der dunkelsten Ecke, schummert bläulich das Licht einer Neonröhre: So sollen Junkies ihre Venen schlechter finden. Drei Punks und eine Barkeeperin mit schulterlangen, grauen Strähnen lagern am Tresen. Astra: 1,70 Euro, Korn: 90 Cent. Im Winter Schmalzbrote, gratis. Auf der Hausverbotsliste stehen Dutzende Namen, Kiez-Pseudonyme wie „Pommes“ oder „Jesus“. Wer diese Menschen wirklich sind, weiß hier niemand mehr.

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24. September 2011 at 12:00

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Trink nicht in Bus und Bahn

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HAMBURG Nun wird hart durchgegriffen: Wer in Bussen und Bahnen säuft, muss fortan mit Ärger und demnächst mit einem Bußgeld rechnen. Aber was soll das Verbot bringen?

Ein Kurzessay, erschienen am 1. September 2011 in der tageszeitung.

Hamburg nimmt den Kampf auf gegen den Alkohol. In öffentlichen Verkehrsmitteln dürfen ab heute keine Getränke mehr konsumiert werden, die dafür sorgen können, dass Leute ausrasten und alle Konventionen vergessen: dass sie in die Ecke urinieren, über Sitzbänke kotzen, Menschen anlallen oder verprügeln. Wer gegen das Alkoholverbot verstößt, wird zunächst nur verwarnt. Ab dem1. Oktober aber muss der Kriminelle mit einer Buße von 40 Euro rechnen. Aber warum eigentlich?

In Berlin ist Alkohol im öffentlichen Nahverkehr erlaubt,weil es zum „Lifestyle“ der Stadt gehöre, wie ein Sprecher des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg sagt. In Hamburg soll das anders sein. Das Alkoholverbot ist der bisher letzte Schritt der Offensive einer Stadt, die sich säubern will: weg mit Bierflaschen, weg mit Kippen, weg mit Pennern und Obdachlosen. Was das Erscheinungsbild stört, wird verfolgt.

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1. September 2011 at 12:00

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Spiessig und hinterwäldlerisch

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Musste CDU-Politiker Christian von Boetticher wegen seiner Affäre mit einer 16-Jährigen zurücktreten? Keine Gesetzesverletzung, keine Strafe – von Boetticher hat sich nichts zuschulden kommen lassen.

Ein Kommentar, erschienen am 16. August 2011 in der tageszeitung.

Christian von Boetticher, bis gestern designierter CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in neun Monaten, mag ein Opfer seiner Naivität sein. Dass die sexuelle Beziehung zu einer Minderjährigen ihn die politische Karriere kostet, darf nicht überraschen. Dennoch sagt es mehr aus über die Funktionsweise einer sensationsgeilen Presse und einer Öffentlichkeit, der der Blick fürs Wesentliche abhanden gekommen ist. Politiker werden nicht mehr nach Leistungskriterien bewertet. Die Frage ist nicht, ob ein Amtsträger gut regiert, ob er hält,was er vor der Wahl versprochen hat. Oder ob er einen sinnigen,würdigen Wahlkampf bestreitet. Lieber wird mit dem Teleobjektiv in fremde Schlafzimmer gezoomt. Wichtig ist nicht mehr, was im Regierungszimmer vonstatten geht. Entscheidend sind die Bettgeschichten.

Eigentlich aber geht es niemanden etwas an, mit wem Christian von Boetticher unter der Bettdecke verschwindet – solange er sich dabei nicht strafbar macht. An Politiker höhere moralische Ansprüche als an „normale“ Menschen zu stellen, ist heuchlerisch. Sobald ein Prominenter über eine Affäre stolpert, wird mit dem Finger auf ihn gezeigt. Auch wenn er keine Gesetze verletzt hat – sondern höchstens ein Tabu und vage Sittlichkeitskonventionen. In einer zivilisierten Welt mit einer fortschrittlichen Gesetzgebung sollten die Rechtssätze jedoch den gängigen Normvorstellungen entsprechen. Keine Strafe ohne Gesetz – das wussten schon die antiken Römer. Auch wenn von Boetticher keine Strafverfolgung fürchten muss, ist er hart bestraft worden. Sein steiler Aufstieg ist zu Ende, politisch ist er bankrott.

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16. August 2011 at 12:00

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Kalter Krieg im Internet

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BOYKOTT Mehrere Spirituosen- und Tabakwarenhändler im Norden haben Ärger mit dem US-amerikanischen Bezahlsystem Paypal, weil sie Rum oder Zigarren aus Kuba anbieten. Jetzt feilen sie an einer Sammelklage.

Ein politischer Hintergrundbericht, erschienen am 03. August 2011 in der tageszeitung.

Auf einmal war das Paypal-Konto von SilkeWolf eingefroren. Dann beschwerten sich Kunden ihres Hamburger Spirituosengeschäftes, sie könnten ihre Einkäufe nicht mehr über das Internet-Bezahlungssystem abwickeln. „Das Ungemach begann ganz unvermittelt“, erinnert sich Wolf. In einer Mail begründete Paypal tags darauf kryptisch, das Spirituosengeschäft verstoße „gegen Richtlinien“. Wolf dachte zunächst an einen Irrtum. Ein Telefonat aber machte klar, dass der Kalte Krieg im Jahr 2011 erneut in Deutschland angekommen ist: US-amerikanische Unternehmen setzen das seit 1962 geltende Handelsembargo gegen Kuba nun auch hierzulande durch. (…) Und was meint eigentlich die kubanische Botschaft zu all diesen Vorgängen? „Diese neue Sache ist von geringer Bedeutung“, sagte sie der taz. „Kriminell sind die USA seit 50 Jahren.“

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3. August 2011 at 12:00

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«Ätsch, wir können es viel besser»

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AKZEPTANZ ODER DISKRIMINIERUNG Heute jährt sich das Lebenspartnerschaftsgesetz zum zehnten Mal: Fred und Thomas Rikkers gehören zu den ersten homosexuellen Paaren, die am 1. August 2001 in Hamburg geheiratet haben. Ein Gespräch über Verbalinjurien, Mütter als Trauzeuginnen und das Geheimnis der gelingenden Ehe.

Ein grosses Interview, erschienen am 1. August 2011 in der tageszeitung.

taz: Heute vor zehn Jahren haben Sie als eines der deutschlandweit ersten homosexuellen Paare in Hamburg-Altona geheiratet. In welchen Klamotten?

Fred Rikkers: Wir trugen beide schwarze Lederhosen. Wir wollten heiraten, wie wir uns wohlfühlen. Im Anzug zu heiraten, wäre für uns nicht in Frage gekommen.

Thomas Rikkers: Im Anzug? Eine richtige Horrorvorstellung. Das machen ja alle so. Sicherlich war auch eine Portion Rebellion dabei. Aber wir tragen nun mal gerne Lederfetisch-Klamotten, das wollten wir nicht verheimlichen.

Aber Ringe haben Sie schon getauscht?

Fred: Ja, abgesehen von unserer Kleidung war die Prozedur eigentlich ganz klassisch.

(…)

Hat es damals gleich gefunkt zwischen Ihnen?

Thomas: Eigentlich war ich zu dieser Zeit nicht bereit, mich zu verlieben. Ich hatte mich gerade erst von meinem damaligen Partner getrennt und wollte erst einmal die Freiheit genießen. Aber Fred hat es einfach geschickt angestellt: Ich habe bei ihm übernachtet, er musste aber früh zur Arbeit. Er hat mir seinen Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt und mich ermutigt, mich umzudrehen und weiterzuschlafen. So hat er mir signalisiert: Bleib mal hier, du bist erwünscht!

Und bald waren Sie ein Herz und eine Seele?

Thomas: Fred hat ein Problem, er ist HIV-positiv. Das hat er mir drei Wochen, nachdem wir uns kennengelernt haben, erzählt – ganz vorsichtig, mit fragendem Blick: Na, stehst du jetzt auf und gehst? Ich bin geblieben. Dass er mich so rasch in sein Geheimnis eingeweiht hat, zeigte mir, dass schon ein tiefes Vertrauen da war. Unsere Beziehung hat das weitergebracht.

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1. August 2011 at 12:00

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