Dennis Bühler – Journalist

Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen aus Politik, Medien, Gesellschaft und Sport

Archive for the ‘Schweiz am Sonntag’ Category

Nicht wirklich ernst genommen

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Früher Sexismus im Bundeshaus: Ehemalige Schweizer Politikerinnen erzählen, wie sie als Frauen herabgesetzt wurden.

Ein historischer Blick zurück in die gar nicht so ferne Vergangenheit, geschrieben gemeinsam mit Jonas Schmid und erschienen am 16. Dezember 2017 in der Schweiz am Wochenende.

Das Gruppenbild erinnert an eine Aufnahme an einer Töchterschule: elf Nationalrätinnen und eine Ständerätin posieren vor einer Bücherwand. Artig falten sie die Hände, sittsam sind die Beine drapiert. Prominent ins historische Bild gerückt ist aber vor allem einer: der Fotograf – ein Mann. Die Damen sind die ersten Parlamentarierinnen, die vor 46 Jahren ins Parlament einzogen. Erst mit der Einführung des Wahl- und Stimmrechts 1971 erhielten sie Zugang zur Politik. Waren die Frauen der ersten Stunde dort willkommen? Wie erlebten sie Sexismus und strukturelle Benachteiligung? (…)

Hanna Sahlfeld-Singer war 1971 nicht nur die erste SP-Nationalrätin des Kantons St.Gallen, sie war auch die erste Parlamentarierin, die im Amt Mutter wurde. Damit die heute 74-Jährige politisieren durfte, musste sie auf ihren Beruf verzichten. In der früheren Bundesverfassung war ausdrücklich ein Verbot für Pfarrerpersonen im Parlament verankert. «Als Frau und Pfarrerin kam ich mit einem gesunden Misstrauen nach Bern», erinnert sich Sahlfeld-Singer. «Ich wusste, dass mich der kleinste Skandal ruinieren würde.» Um keine Angriffsfläche zu bieten, gab sie sich strikte Regeln: Kein Alkohol und abends frühzeitig zurück ins Hotel. «Einmal luden mich einige Herren der CVP-Fraktion zu einem Essen ein», erzählt sie. Sahlfeld-Singer bestand darauf, dass diese eine Kollegin ihrer Fraktion mitnahmen. «Das schaffte die nötige Distanz.»

Ruth-Gaby Vermot-Mangold absolvierte die ganze politische Ochsentour: Die SP-Frau war Berner Stadträtin, Grossrätin, Nationalrätin und Europarätin. Nach zwölf Jahren im Nationalrat trat sie 2007 zurück. «Jede Frau war und ist von Sexismus betroffen», sagt die 76-Jährige rückblickend. Sexismus habe verschiedene Gesichter: «Zum Beispiel wurden Frauen mit Kindern in der Politik immer kritisiert. Mein Mann war in den 70er-Jahren Hausmann. Da gab es doppelte Häme: Der arme Mann muss staubsaugen, während seine Frau Karriere machen will, hiess es.» In der Politik gehe es um Macht. Die sexistische Schiene werde dazu genutzt, Frauen davon abzuhalten, sich aktiv für ihre Karriere einzusetzen. «Es hiess: ‹Du bist viel attraktiver und für die Gesellschaft nützlicher, wenn du dich um die Kinder kümmerst›.» Um gegen diese Abwertung zu kämpfen, würden Frauen viel Lebensenergie verschwenden. Mit anderen Frauen setzte sich Vermot-Mangold Ende der 90er-Jahre dafür ein, dass die Polizei eine Hotline einrichtete. Denn Politikerinnen, die sich mit heiklen Dossiers beschäftigten, würden oft bedroht. «Die Sicherheitskräfte nahmen uns lange nicht ernst. Es hiess: übertreibt mal nicht.» Hinweisen von Männern hingegen sei sofort nachgegangen worden. (…)

Auf jeder politischen Ebene sei sie mit Sexismus konfrontiert gewesen, sagt auch die heute 78-jährige CVPlerin Rosmarie Zapfl. «Als arrivierte Politikerin im Nationalrat genauso wie Jahrzehnte zuvor als Einsteigerin im Dübendorfer Gemeinderat.» Auch innerhalb ihrer Partei habe sie einen schweren Stand gehabt: Nachdem sie sich für einen EU-Beitritt starkgemacht hatte, wurde sie von einem Kollegen vor der Fraktion beschimpft und weder Fraktionschef noch Bundesrätin hätten sie vor dem Gremium unterstützt, obschon diese eigentlich ihrer Meinung waren, erzählt Zapfl. «Ich wurde fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Ich konnte nicht auf Männerseilschaften zählen wie meine Kollegen.»

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Written by Dennis Bühler

16. Dezember 2017 at 18:30

«Gott ist nicht hoch oben zu Hause»

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FlughafenpfarrerNicht beim Fliegen sei er Gott am nächsten, sondern wenn er sich runterbücke zu jenen, denen es nicht so gut geht, sagt Walter Meier. Der Flughafenpfarrer kümmert sich um Flight Attendants genauso wie um Obdachlose und Passagiere.

Ein Porträt, erschienen am 22. Dezember 2014 in der Südostschweiz und am 4. Januar 2015 in der Schweiz am Sonntag.

Raum 2-126 im Check-in 1 ist kaum zu finden. Wer zum Pfarramt am Flughafen Zürich-Kloten gelangen möchte, muss sich seinen Weg an Reisenden vorbei bahnen, die Schlange stehen, um ihr Gepäck aufzugeben, muss sich vor der Billettkontrolle rechts halten und eine steile Wendeltreppe emporsteigen, um sich dort zwischen Tischen und Stühlen eines asiatischen Schnellrestaurants durchzuschlängeln. Dann, am Ende eines anonymen, langen Gangs, steht man vor dem Andachtsraum und, ein paar Meter weiter, vor dem Pfarramt. Dort sitzt Walter Meier an seinem Schreibtisch, der 62-jährige Seelsorger, mit seinen zwei Metern Körpergrösse auch sitzend eine beeindruckende Erscheinung. Noch, sagt er, friste das Flughafenpfarramt ein Schattendasein, doch bald sei damit Schluss. «Ab 2016 sind wir an erstklassiger Passantenlage untergebracht, gleich neben dem Zugang zur Zuschauerterrasse.»

In einem Flughafen werde ständig gebaut, das sei eine permanente Baustelle. Der gegenwärtige Standort sei denn auch ein grosses Manko, weil es an Laufkundschaft fehle. Sinnbildlich aber sei die wegen Umbauarbeiten so versteckte Lage gar nicht so unpassend. «Unser Leben ist doch auch ein einziges Provisorium.»

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Written by Dennis Bühler

24. Dezember 2014 at 09:00

Pirouetten in hoher Luft

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PirouettenEinmal contra, einmal pro Gripen: Verteidigungsminister Ueli Maurer und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel argumentieren, wie es ihnen gerade passt. Eine Linie ist nicht ersichtlich. Stattdessen Pirouetten in hoher Luft.

Eine Kolumne, erschienen am 4. Mai 2014 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung).

Für einmal kann diese Kolumne, die ja eigentlich «Aus Berner Sicht» heisst, nicht bloss in der Bundesstadt spielen. Denn die Förrlibuckstrasse 70 in 8005 Zürich liegt der Schwanengasse 2 in 3003 Bern näher, als es auf den ersten Blick scheint. Auch wenn, um von Punkt A zu Punkt B zu kommen, 123 Kilometer Asphalt auf der Autobahn A1 zurückgelegt werden müssen.

An der Förrlibuckstrasse hat Roger Köppel sein Büro, seine Redaktion und sein Wochenblatt. An der Schwanengasse hat Ueli Maurer sein Büro, seine Verwaltung und sein Armee-Kommando. Der eine denkt vor, der andere schwatzt nach. Oder ist es eher so: Der eine denkt vor, der andere schreibt nach? So ganz klar ist das nicht. Jedenfalls: Am 14. Oktober 2009 stellte Maurer dem Bundesrat den Antrag, auf die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge zu verzichten. Man könne sie sich nicht leisten, so der Verteidigungsminister. Zwei Wochen später schrieb Roger Köppel im Editorial der «Weltwoche»: «Die Schweiz braucht zur Landesverteidigung keine Luftwaffe. Das ergibt sich zwingend aus den Fakten. Prestigesüchtige Flieger- und Panzerkäufe bringen nichts.»

Viereinhalb Jahre später klingt alles anders: «Wer Ja sagt zur Armee, muss auch Ja sagen zum Gripen», wiederholt Maurer ständig. Und Köppel steht Gewehr bei Fuss: «Keine reguläre Armee der Welt verzichtet auf Kampfflugzeuge, die periodisch ersetzt werden müssen», schrieb er diese Woche. «Deshalb gibt es keinen vernünftigen Grund gegen den Kauf neuer Maschinen des Typs Gripen E.»

Haben Ueli Maurer und Roger Köppel umgedacht? Oder damals oder heute nicht nachgedacht? So ganz klar ist das nicht.

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Written by Dennis Bühler

5. Mai 2014 at 09:00

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Schweiz am Sonntag

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Politische Lachnummern

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Politische LachnummernStatt an der Frühjahrssession über die Geschicke des Landes zu bestimmen, feiern gewisse Politiker lieber Fasnacht. Das ist untragbar.

Ein als Kolumne getarnter Kommentar, erschienen am 9. März 2014 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung).

Am Mittwoch posierten sie in der «Südostschweiz» und der «Aargauer Zeitung» in ihren Fasnachtsmasken, die Pappnasen der CVP. Er ziehe jeweils mit seiner Schnitzelbank-Gesellschaft von Beiz zu Beiz, erzählte der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof. Und die Luzerner Nationalrätin Ida Glanzmann bekannte freimütig, am Dienstag sogar die Session geschwänzt zu haben. «Die Fasnacht ist wie ein Virus, der einen packt und nicht mehr loslässt», sagte sie. Und schien noch nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben.

Man könnte mit den Politikern mitlachen, wenn ihr Gebaren nicht zum Heulen wäre. Wer die Session wegen eines Fasnachtsumzugs schwänzt, nimmt seine politische Verantwortung nicht ernst. Die Session ist ja nicht bloss ein lässiges Stelldichein, bei dem Entscheide ohne jede Tragweite gefällt würden. Als Glanzmann ausschlafen musste, weil sie die ganze Nacht als Schlagersängerin Maja Brunner verkleidet durch die Luzerner Gassen gezogen war, diskutierte der Nationalrat etwa erstmals über die Folgen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative.

Am Donnerstag, als der Nationalrat ganz knapp per Stichentscheid des Präsidenten eine Lockerung der Waffenexportbestimmungen beschloss, war die Fasnacht in der Innerschweiz zwar vorbei. Glanzmann aber fehlte erneut. Statt die Interessen ihrer Wähler im Rat vertrat sie jene der CVP am Kongress der Europäischen Volkspartei in Dublin. Da Glanzmann wohl im Sinne der Waffenlobby gestimmt hätte, änderte ihr Fernbleiben nichts am Ergebnis. Doch es steht sinnbildlich dafür, wie ernst gewisse Politiker – nicht nur aus der CVP – den politischen Betrieb nehmen. Es gibt zu viele Clowns in Bundesbern.

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Written by Dennis Bühler

11. März 2014 at 16:12

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Schweiz am Sonntag

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Äpfel, Äpfel, nichts als Äpfel

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ÄpfelBefürworter und Gegner der Masseneinwanderungsinitiative werben mit Apfelbäumen für ihr Anliegen. Nützen die viel kritisierten Kampagnen den Detailhändlern, die jetzt viel mehr Äpfel als gewohnt verkaufen? Und wieso taugen Äpfel eigentlich als Symbol für Ausländer?

Eine Kolumne, erschienen am 26. Januar 2014 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz/Aargauer Zeitung).

Seit Anfang Dezember hängen sie wieder an den Plakatwänden, rot und prall und verheissungsvoll: die Äpfel des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, die die Früchte der bilateralen Beziehungen mit der Europäischen Union darstellen sollen. Seit die SVP mit einem Plakat reagiert hat, auf dem die Wurzeln des Apfelbaums die Schweiz zu zermalmen drohen, und die Schweizer Wirtschaft wiederum mit einem aus einem Hodler-Gemälde entliehenen Holzfäller gekontert hat, der den Baum umzuhauen droht, spricht die ganze Schweiz von Äpfeln. Doch ist das Obst auch in aller Munde?

«In den letzten Monaten lag der Verkauf von Äpfeln ungefähr auf Vorjahresniveau», teilt die Migros auf Anfrage hin mit. Gleiches gilt für Konkurrent Coop, bei dem sich «die Umsätze in etwa auf Vorjahresniveau bewegten». 15 Kilogramm Äpfel isst der Schweizer pro Jahr, die beliebtesten Sorten heissen Gala, Golden Delicious und Braeburn. Was exotisch klingt, ist in aller Regel Schweizer Ware. Dies nicht zuletzt dank einer Art Ventilklausel, die bloss im Hochsommer ausgehebelt wird. Mitte Juni, wenn die Schweizer Ware knapp wird, wird der Zoll auf Äpfel vorübergehend aufgehoben. Ausserhalb dieser Phase ist jedes Kilo Import-Äpfel mit einem Zoll von 1.40 Franken belegt.

Was die SVP bei Menschen fordert, ist beim Obst bereits erfolgreich umgesetzt: Massnahmen, die die Einfuhr beschränken. Von den 30’000 Tonnen Äpfel, die die Migros jährlich verkauft, stammen 80 bis 90 Prozent aus einheimischer Produktion. Bei Coop sind es gar 95 Prozent. Die SVP braucht sich nicht zu sorgen: Ausländer haben in der Schweiz einen schweren Stand.

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Written by Dennis Bühler

27. Januar 2014 at 10:28

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Schweiz am Sonntag

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Einfach mal verreisen

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Schweiz am Sonntag, 14. Juli 2013Während des Sommerlochs tun sich Journalisten besonders schwer, Schlagzeilen zu produzieren, die länger als bis zur nächsten Ausgabe haltbar sind. Weshalb es Universitätsprofessoren genau richtig machen, wenn sie während der ereignisarmen Sommermonate untertauchen.

Eine Kolumne, erschienen am 14. Juli 2013 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung).

Wo sind die Wissenschafter, die fern von Parteiinteressen Analyse und Einordnung bieten könnten? Der Basler Staatsrechtler Markus Schefer weilt in den USA, die Luzerner Ordinaria Martina Caroni ist auf einer mehrtägigen Bergtour. Die Zürcher Professoren Biaggini, Diggelmann, Kiener, Kley und Uhlmann sind genauso abgetaucht wie Daniela Thurnherr von der Universität Basel oder der Berner Walter Kälin. Sie alle machen es richtig: Im Juli sollte man verreisen. Durchatmen und Abstand gewinnen. Den Politikern täte eine Auszeit gut. Und den Journalisten auch.

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Written by Dennis Bühler

15. Juli 2013 at 20:00

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Schweiz am Sonntag

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