Dennis Bühler – Journalist

Recherchen, Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen zu Politik, Medien, Gesellschaft und Sport

Posts Tagged ‘Reportage

«Hier heißen alle Weiß»

leave a comment »

Früher wurde mancherorts die Wäscheleine eingezogen, wenn Fahrende in Dörfer kamen. Noch heute sind Sinti Opfer von Vorurteilen. Und im Mai 2012 kommen neue Roma aus Südosteuropa.

Ein Feature, geschrieben im November und Dezember 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Die Spurensuche führt nach Wilhelmsburg, südlich der Elbe. Sehr ruhig ist es hier, fast schon ländlich, Backsteinromantik. In der Siedlung Niedergeorgswerder Deich leben 500 Sinti in 44 Reihenhäusern. An einem Wegrand steht ein fülliger Mann mit Schnurrbart, lässig an einen schwarzen Mercedes gelehnt. „Wir suchen Herrn Weiß“, sagen wir ein wenig schüchtern. Von dem haben wir gelesen, dass er Schulklassen besucht, um Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen. Der Mann mit dem teuren Auto lächelt und fragt: „Welchen sucht ihr denn? Hier heißen alle Weiß.“

Alle seien sie miteinander verwandt und stammten vom selben Urahnen ab, erzählt Max Weiß, der in der Siedlung nur Tausto genannt wird. Der 52-jährige Sinto ist im Wohnwagen aufgewachsen. „Das Bett ist manchmal an der Außenwand des Wohnwagens festgefroren“, erinnert er sich. Sein Vater, der das KZ überlebt hatte, arbeitete im Hamburger Hafen zwei Schichten, um die große Familie durchzubringen. Nie besuchte Max Tausto Weiß eine Schule, früh musste er Geld verdienen. Schreiben, Lesen und Rechnen hat er sich später selbst beigebracht, heute führt er einen eigenen Recyclingbetrieb mit einem dutzend Angestellten. Weiß ist ein Beispiel gelungener Integration – oder vielmehr Assimilation. Mit der Anpassung, so scheint es, geht auch das Zerbröseln der eigenen Kultur einher.

Weiterlesen (pdf)…

Written by Dennis Bühler

10. Dezember 2010 at 12:00

Veröffentlicht in unpublizierte Texte

Tagged with , ,

Hektik auf dem Marktplatz

leave a comment »

Eine Reportage, geschrieben im Juni 2010 als Bewerbung für den Master of Arts in Journalism am maz – Die Journalistenschule und an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).

Auf einem Pult liegt ein Plüschelefant, auf einem anderen stehen Salz- und Pfefferstreuer bereit. Über einem Bürostuhl hängt ein Wollpullover, auf einem Tisch sind CDs gestapelt. In einer Fensternische steht ein halb gefüllter Trinkbecher, das Wasser ist abgestanden und trüb geworden. An der Wand hängt der Dienstplan des vergangenen Dezembers. Der Redaktionsraum sieht aus, als wäre er überstürzt verlassen worden. Als ob ihm mit einem Schlag alles Leben ausgehaucht, alles zum ewigen Stillstand verdammt worden wäre. Am 4. Dezember 2009 wurde die Pendlerzeitung News eingestellt. Die Angestellten erfuhren am Morgen, dass sie für den nächsten Tag keine Ausgabe mehr zu produzieren brauchten. Das für denselben Tag anberaumte Weihnachtsessen der Redaktion geriet zur Henkersmahlzeit.

Einige Meter neben dem stillgelegten Grossraumbüro herrscht reger Betrieb. Immer wieder erschallen laute Direktiven, wird quer durch das Zimmer geschrien. Das Geschehen erinnert an einen Marktplatz. Dreissig Journalisten teilen sich den langgezogenen Raum. „Ich habe den Oasis-Artikel auf Position drei herabgestuft“, ruft Stefan Eiselin, Tagesleiter des Newsnetzes, der gemeinsamen Online-Plattform der zur Tamedia gehörenden Printerzeugnisse. „Der Text zur Auflösung der Band hat überhaupt nicht interessiert, im Gegensatz zur Bildstrecke zum Eurovisionsfinale.“ Missmutig nimmt es Olivia Kühni, die Autorin des degradierten Artikels, zur Kenntnis. Argumente gegen den Entscheid ihres Vorgesetzten hat sie nicht. Der Webseismograph nämlich ist unerbittlich; er lügt nie.

Weiterlesen (pdf)…

Written by Dennis Bühler

13. Juni 2010 at 12:00

Veröffentlicht in unpublizierte Texte

Tagged with ,

Champions League als Arbeitsplatz

leave a comment »

Der Zolliker Giovanni Marti, Kommunikationschef des FC Zürich, war am Tag des Champions-League-Spiels gegen Milan während 15 Stunden auf Trab. Er musste sich sogar um heisse Suppe kümmern.

Eine sportliche Reportage, erschienen am 10. Dezember 2009 im Tages-Anzeiger.

Für Giovanni Marti beginnt der letzte Champions-League-Tag des FC Zürich morgens um 10 Uhr. Der Kommunikationschef des Schweizer Meisters trifft sich zu einer letzten Besprechung mit den Stadionverantwortlichen, der Polizei, der Uefa und dem Vermarkter. Alles ist für eine weitere Nacht der Sterne bereit, unliebsame Überraschungen gibt es keine mehr: Beim dritten Heimspiel spielt die Routine. Nach einem kurzen Kontrollgang durch die Katakomben des Letzigrunds steht für Marti das erste Highlight des Tages auf dem Programm: Mit den Delegationen der AC Mailand und des FCZ trifft er sich im Niederdorf zum Käsefondue.

Weiterlesen (pdf)…

Written by Dennis Bühler

10. Dezember 2009 at 12:00

Veröffentlicht in Tages-Anzeiger

Tagged with ,