Ein Pirat ohne Beute
Der neue Präsident der Schweizer Piratenpartei will ähnliche Erfolge feiern wie seine deutschen Kollegen. Geht das?
Eine Analyse, erschienen am 12. April 2012 in der ZEIT Schweiz.
Ort der Handlung ist ein schmuckloses Restaurant gleich neben den Geleisen des Bahnhofs Winterthur. Thomas Bruderer sitzt inmitten seiner dunkel gekleideten Mitstreiter, trinkt Eistee und isst Pizza. Es ist ein kalter, windiger Abend Mitte Oktober 2011, der letzte Piratenstammtisch vor den Schweizer Parlamentswahlen. Noch ist Bruderer nur die kantonale Nummer zwei der Piratenpartei, auf der Nationalratsliste gleich hinter dem Spitzenkandidaten aufgeführt. Und doch hat Bruderer Angst, er könnte gewählt werden. »So war das nie geplant«, sagt er.
Weiss statt Schwarz
Das Ende des Bankgeheimnisses ist nah: Im Steuerstreit bleibt der Schweiz nur der geordnete Rückzug – wie 1515 bei Marignano.
Ein Kommentar, erschienen am 7. März 2012 auf der Facebook-Präsenz der ZEIT Schweiz.
Manch Übereifriger hat den Streit zwischen der Schweiz und den USA in den vergangenen Wochen zum Steuerkrieg hochstilisiert. Solche Begrifflichkeiten sind mit Sicherheit übertrieben, sitzt man doch auch in Zukunft am Verhandlungstisch und nicht im Schützengraben. Dennoch: Wagen wir den Gedankengang und überlegen uns, welche Optionen der Schweiz in dieser „Schlacht“ bleiben.
Vor 497 Jahren sahen sich die Eidgenossen in der Schlacht von Marignano einem Feind gegenüber, der zahlenmäßig überlegen war, der aber auch wusste, dass die Schweiz wenig in der Hinterhand hielt. Gleich verhält es sich in der gegenwärtigen Steuerdebatte: Die Niederlage der Schweizer, geschwächt nicht nur durch erzwungene Zugeständnisse in der jüngeren Vergangenheit, sondern auch ungeeint im öffentlichen Auftritt, ist absehbar.
Ein lebensbedrohliches Arbeitsumfeld
Muss Nestlé für einen Mord haften, der im Umfeld eines Tochterunternehmens passiert ist? Menschenrechtler wollen einen Musterprozess gegen den Multi führen.
Ein Hintergrundartikel, geschrieben gemeinsam mit Peer Teuwsen und erschienen am 7. März 2012 auf ZEIT online.
Es ist der 11. September 2005, ein Sonntag, als der Gewerkschafter Luciano Enrique Romero Molina am Rande der kolumbianischen Stadt Valledupar sein Leben lassen muss. Paramilitärs hatten ihn entführt, verhört, gefoltert und schließlich mit 50 Messerstichen getötet. Nun, mehr als sechs Jahre später, sollen Nestlé und fünf hohe Funktionäre des Konzerns für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.
«Ein einziger Flop»
In der Schweiz suchten sie Arbeit und Glück – und scheiterten. Zwei Deutsche erzählen.
Zwei Porträts, erschienen am 1. März 2012 in der ZEIT Schweiz.
Fünf, sechs Schritte braucht der Mann, den wir hier Hartmut Ehlert nennen wollen, um seine Ein-Zimmer-Dachwohnung in Uzwil zu durchqueren, vom beigefarbenen Ecksofa, das nachts als Bett dient, zum Pult, an dem er seit einem Jahr sein Leben niederschreibt: vorbei an den Plastikblumen, den Fotografien seiner beiden Enkeltöchter, dem Foto, das seinen Hund und seine Frau zeigt, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist, die er aber seit 2006 nur alle paar Wochen mal sieht. Seit er sich ins Auto gesetzt und Dresden verlassen hat, um in die Schweiz zu ziehen, in der man ein besseres Leben führt als im Osten Deutschlands. Bei fünf Unternehmen hat er seither gearbeitet, immer wieder war er arbeitslos – die Schweiz hat ihm kein Glück gebracht. Seit sechs Wochen stempelt er wieder. »Abends«, sagt Ehlert, »kann es komisch werden, so alleine dazusitzen. Da ist man mitunter seelisch am Boden.«
Lammfinken, Felle, Krippenfiguren
Im Schatten des edelsteinernen Swarovski-Weihnachtsbaumes verkauft Amos Grädel Wollwaren. Seit seiner Geburt schläft er selbst auf Fellen, dereinst könnte er die Schaffarm der Eltern übernehmen.
Ein Schauplatz, geschrieben im Dezember 2011 am maz – Die Schweizer Journalistenschule (unveröffentlicht).
„Wir haben auch einen Onlineshop“, sagt Amos Grädel, Wollverkäufer aus 4953 Huttwil. „Oder, falls Sie am Wochenende mal Zeit haben: Ab zehn Personen bieten wir Betriebsführungen an. Da können Sie live dabei sein, wenn die Schafe geschoren werden.“ Die beiden Frauen, schwarz gekleidet, Brillen mit roten Rändern, – Schwestern wohl –, streichen ein letztes Mal über das golden schimmernde Lammfell, pflanzlich gegerbt, nicht waschbar. „Ja“, sagt die eine zur anderen, „das wäre etwas für unseren Mütterverein. Kann man auf Ihrem Hof auch übernachten?“
Prominente prominenter machen
Vom Geschäft mit Buchstaben zum Unterhaltungskonzern: Der Ringier Verlag berät Sportler, Models und Moderatoren, über die seine Blätter schreiben. Kritiker sehen die publizistische Freiheit gefährdet – und damit die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche.
Die Analyse eines umstrittenen Geschäftsmodells, geschrieben im November und Dezember 2011 am maz – Die Schweizer Journalistenschule (unveröffentlicht).
In einem grossen, zweiseitigen Interview bot der SonntagsBlick Fabian Cancellara im April 2011 an prominentester Stelle – gleich in den ersten zwei Fragen – Gelegenheit, um für sein neu erschienenes Buch zu werben. „Journalistisch ist das absolut korrekt“, sagt Ringier-Kommunikationschef Edi Estermann. „Wir berichten regelmässig über Prominente, die ein neues Buch oder eine CD herausbringen. Das hat nichts mit Pool Position zu tun.“
Mirjam Jäger, eine auch bei Sportinteressierten nahezu unbekannte Freeskierin, erhielt im Blick im Dezember 2010 eine grosse Plattform. Titel der ganzseitigen Geschichte mit Bikini-Fotos: „Heisse Mirjam – Jägerin auf Goldpirsch.“ Untertitel: „Ihr Anblick bringt die eisigste Piste zum Schmelzen: Freeski-Schönheit Mirjam Jäger kann unser neues Golden-Girl werden.“ Eine Anmerkung, dass Jäger bei Pool Position und damit Ringier unter Vertrag steht, fehlte. „Korrekte Vorgehensweise“, sagt Estermann. Sollte im Sinne der Transparenz gegenüber den Lesern nicht auf das vertragliche Verhältnis hingewiesen werden? „Wenn es die Redaktion als notwendig erachtet, wird dies gemacht.“
