Posts Tagged ‘Hintergrund’
Kalter Krieg im Internet
BOYKOTT Mehrere Spirituosen- und Tabakwarenhändler im Norden haben Ärger mit dem US-amerikanischen Bezahlsystem Paypal, weil sie Rum oder Zigarren aus Kuba anbieten. Jetzt feilen sie an einer Sammelklage.
Ein politischer Hintergrundbericht, erschienen am 03. August 2011 in der tageszeitung.
Auf einmal war das Paypal-Konto von SilkeWolf eingefroren. Dann beschwerten sich Kunden ihres Hamburger Spirituosengeschäftes, sie könnten ihre Einkäufe nicht mehr über das Internet-Bezahlungssystem abwickeln. „Das Ungemach begann ganz unvermittelt“, erinnert sich Wolf. In einer Mail begründete Paypal tags darauf kryptisch, das Spirituosengeschäft verstoße „gegen Richtlinien“. Wolf dachte zunächst an einen Irrtum. Ein Telefonat aber machte klar, dass der Kalte Krieg im Jahr 2011 erneut in Deutschland angekommen ist: US-amerikanische Unternehmen setzen das seit 1962 geltende Handelsembargo gegen Kuba nun auch hierzulande durch. (…) Und was meint eigentlich die kubanische Botschaft zu all diesen Vorgängen? „Diese neue Sache ist von geringer Bedeutung“, sagte sie der taz. „Kriminell sind die USA seit 50 Jahren.“
«Hier heißen alle Weiß»
Früher wurde mancherorts die Wäscheleine eingezogen, wenn Fahrende in Dörfer kamen. Noch heute sind Sinti Opfer von Vorurteilen. Und im Mai 2012 kommen neue Roma aus Südosteuropa.
Ein Feature, geschrieben im November und Dezember 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Die Spurensuche führt nach Wilhelmsburg, südlich der Elbe. Sehr ruhig ist es hier, fast schon ländlich, Backsteinromantik. In der Siedlung Niedergeorgswerder Deich leben 500 Sinti in 44 Reihenhäusern. An einem Wegrand steht ein fülliger Mann mit Schnurrbart, lässig an einen schwarzen Mercedes gelehnt. „Wir suchen Herrn Weiß“, sagen wir ein wenig schüchtern. Von dem haben wir gelesen, dass er Schulklassen besucht, um Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen. Der Mann mit dem teuren Auto lächelt und fragt: „Welchen sucht ihr denn? Hier heißen alle Weiß.“
Alle seien sie miteinander verwandt und stammten vom selben Urahnen ab, erzählt Max Weiß, der in der Siedlung nur Tausto genannt wird. Der 52-jährige Sinto ist im Wohnwagen aufgewachsen. „Das Bett ist manchmal an der Außenwand des Wohnwagens festgefroren“, erinnert er sich. Sein Vater, der das KZ überlebt hatte, arbeitete im Hamburger Hafen zwei Schichten, um die große Familie durchzubringen. Nie besuchte Max Tausto Weiß eine Schule, früh musste er Geld verdienen. Schreiben, Lesen und Rechnen hat er sich später selbst beigebracht, heute führt er einen eigenen Recyclingbetrieb mit einem dutzend Angestellten. Weiß ist ein Beispiel gelungener Integration – oder vielmehr Assimilation. Mit der Anpassung, so scheint es, geht auch das Zerbröseln der eigenen Kultur einher.
Für guten Fussball fehlt das Geld
Der FC Stäfa ist in die 3. Liga abgestiegen, der FC Küsnacht kann nicht mehr an frühere Leistungen anknüpfen: Der Fussball fristet an der Goldküste zunehmend ein Schattendasein.
Eine sportliche Analyse, erschienen am 08. Juli 2010 im Tages-Anzeiger.
Im Sommer 2007 gelang dem FC Küsnacht ein Exploit, wie er am rechten Seeufer zur Rarität geworden ist: Nach 19 Saisons in den Niederungen des Zürcher Amateurfussballs stieg der Verein pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum in die 1. Liga auf. Allerdings zeigte er sich in der höheren Spielklasse zumeist überfordert, und schon am Ende des Jahres stand der direkte Wiederabstieg fest. Seither hat sich der FCK zweimal im Tabellenmittelfeld der 2. Liga interregional klassiert. Ein erneuter Aufstieg in die 1. Liga scheint momentan in weiter Ferne. So haben sich die Zeiten geändert: In den Sechzigerjahren war der FCK noch fast permanent in der obersten Amateurliga vertreten gewesen, ebenso in den Achtzigern. Noch deutlich düsterer sieht es beim FC Stäfa aus.
Politische Überzeugungstäter im Auftrag des Herrn
Alle reden vom Koran; der Männedörfler EDU-Kantonsrat Heinz Kyburz und seine Oetwiler Parteikollegin Rebekka Burgassi aber politisieren mit der Bibel in der Hand – mal ultrarechts, dann wieder links.
Porträts zweier Politiker der Extreme, erschienen am 09. Juni 2010 im Tages-Anzeiger.
Im Sommer 2008 verlieh die «Schweizer Illustrierte» Heinz Kyburz einen Kaktus. Mit der stachligen Pflanze geisselte die Zeitschrift den Feldzug, den der 49-Jährige gegen Homosexualität führte. Das Schwulen- und Lesbenfestival, das damals in Meilen stattfand, versuchte Kyburz um jeden Preis zu verhindern – weil es suggerierte, Homosexualität sei etwas Normales. Über den Kaktus freute sich Kyburz, bei den Absendern bedankte er sich. Er habe die Pflanze als Symbol für Widerstandsfähigkeit in einer zunehmend hitzigeren Zeit aufgefasst.
An den Challandes gescheitert
Vor anderthalb Jahren stand Jovo Spasojevic als Captain der U-21 des FC Zürich kurz vor dem Durchbruch. Nun spielt der Verteidiger in der 2. Liga bei Oerlikon/Polizei.
Ein anklagendes Porträt, erschienen am 21. Oktober 2009 im Tages-Anzeiger.
Wenn der FC Zürich heute Abend in der Champions League Olympique Marseille empfängt, wird Jovo Spasojevic im Letzigrund auf der Tribüne sitzen und seinen ehemaligen Vereinskollegen die Daumen drücken. «Ich bin nach wie vor Fan des FCZ und fiebere mit», sagt der 22-Jährige, der von Almen Abdi Tickets erhalten hat. Mehr als zehn Jahre trug Spasojevic vom Zollikerberg selbst das Trikot des Stadtklubs. Als D-Junior zum Verein gestossen, spielte er von 2005 bis 2008 für die U-21 in der 1. Liga, im letzten Jahr war der polyvalent einsetzbare Aussenverteidiger auch Captain. Kurz vor dem Durchbruch und der Aufnahme in die erste Mannschaft aber scheiterte das Talent mit Schweizer Pass und serbischen Wurzeln. «Plötzlich wurde ich vom FCZ fallengelassen», sagt Spasojevic. «Eine wirkliche Chance habe ich nie erhalten.»



