Das Superwahljahr beginnt turbulent
HAMBURG Am kommenden Sonntag wird der Sozialdemokrat Olaf Scholz zum neuen Bürgermeister von Hamburg gewählt. Sämtliche Prognosen sagen der CDU eine schwere Wahlschlappe voraus.
Eine politische Analyse aus Hamburg, geschrieben gemeinsam mit Dominic Wirth und erschienen am 18. Februar 2011 in der Neuen Luzerner Zeitung.
Unermüdlich hat Christoph Ahlhaus Wochenmärkte besucht, Hände geschüttelt, mit den Menschen geplaudert. Er hat sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt und oft gehört, dass die Zeit reif sei für einen Regierungswechsel. Hamburg hat genug von der CDU, genug von Christoph Ahlhaus. Als Bürgermeister der zweitgrössten deutschen Stadt hat er in den vergangenen Monaten fast alles falsch gemacht. Erst posierte er mit Ehefrau Simone in nobler Abendkleidung im feinen Hotel Vier Jahreszeiten für die Klatschzeitschrift «Bunte». Dann gestand er, seine Gattin nun «Fila» zu nennen – für First Lady. Ein Gebaren, das so gar nicht zur hanseatischen Zurückhaltung passt. Die CDU steuert bei der Bürgerschaftswahl vom Sonntag auf eine historische Niederlage zu.
«Hier heißen alle Weiß»
Früher wurde mancherorts die Wäscheleine eingezogen, wenn Fahrende in Dörfer kamen. Noch heute sind Sinti Opfer von Vorurteilen. Und im Mai 2012 kommen neue Roma aus Südosteuropa.
Ein Feature, geschrieben im November und Dezember 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Die Spurensuche führt nach Wilhelmsburg, südlich der Elbe. Sehr ruhig ist es hier, fast schon ländlich, Backsteinromantik. In der Siedlung Niedergeorgswerder Deich leben 500 Sinti in 44 Reihenhäusern. An einem Wegrand steht ein fülliger Mann mit Schnurrbart, lässig an einen schwarzen Mercedes gelehnt. „Wir suchen Herrn Weiß“, sagen wir ein wenig schüchtern. Von dem haben wir gelesen, dass er Schulklassen besucht, um Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen. Der Mann mit dem teuren Auto lächelt und fragt: „Welchen sucht ihr denn? Hier heißen alle Weiß.“
Alle seien sie miteinander verwandt und stammten vom selben Urahnen ab, erzählt Max Weiß, der in der Siedlung nur Tausto genannt wird. Der 52-jährige Sinto ist im Wohnwagen aufgewachsen. „Das Bett ist manchmal an der Außenwand des Wohnwagens festgefroren“, erinnert er sich. Sein Vater, der das KZ überlebt hatte, arbeitete im Hamburger Hafen zwei Schichten, um die große Familie durchzubringen. Nie besuchte Max Tausto Weiß eine Schule, früh musste er Geld verdienen. Schreiben, Lesen und Rechnen hat er sich später selbst beigebracht, heute führt er einen eigenen Recyclingbetrieb mit einem dutzend Angestellten. Weiß ist ein Beispiel gelungener Integration – oder vielmehr Assimilation. Mit der Anpassung, so scheint es, geht auch das Zerbröseln der eigenen Kultur einher.
Das Jubiläumsbuch des Sportclubs Zollikon
Im Sommer 2010 schrieb ich die rund 75-seitige Chronik zum 50-Jahr-Jubiläum des Sportclubs Zollikon. Diesem Fussballverein am rechten Zürichseeufer halte ich seit 1993 die Treue, bei ihm durchlief ich alle Juniorenstufen bis zur 1. Mannschaft, da war ich einige Jahre Juniorentrainer und sitze seit 2007 im Vorstand.
Bei der Recherche für diese (unbezahlte) Auftragsarbeit wühlte ich mich durch alte Sitzungsprotokolle und Statistiken des Fussballverbandes, traf ehemalige Präsidenten und Trainer, fotografierte bei Meisterschaftsspielen und Grümpelturnieren und sichtete hunderte, teilweise vergilbte Fotografien.
Weitere Informationen zur Vereinsgeschichte und zum Jubiläumsbuch, das im November 2010 erschien und zum Preis von 30 bis 50 Franken nach wie vor online bestellt werden kann, finden Sie hier.
«Mein Bruder hat Džeko angerufen, damit er genügend Trikots nach Hamburg mitnimmt»
Im gelb-blauen Trainingsanzug des SC Victoria 1895 steht Jasmin Bajramović vor der schmucken Haupttribüne des Stadion Hoheluft im gleichnamigen Hamburger Stadtteil. Der Höhepunkt der 115-jährigen Vereinsgeschichte steht kurz bevor: Im DFB-Pokal empfängt „Vicky“ den Bundesligisten VfL Wolfsburg.
Ein Interview mit Victoria-Captain Jasmin Bajramovic, geschrieben im Oktober 2010 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Ist das Pokalspiel auf dem Schulhof das grosse Gesprächsthema?
Die Schüler kommen auf mich zu, fragen: „Wie wollen Sie Džeko ausschalten?“ Ich antworte dann jeweils, auszuschalten sei der sowieso nicht. Vielleicht gelingt es mit vereinten Kräften. Ich bin begeistert, wie sich die Schüler mit mir auf das Spiel freuen. Weil viele meiner Schüler im Stadion sein werden, stehe ich natürlich unter einem ganz besonderen Druck (lacht). Viele Schüler wünschen sich Wolfsburger Trikots. Aber zuerst einmal versuche ich natürlich eines für mich selbst zu ergattern. Mein Bruder hat bereits bei Edin Džeko angerufen und ihn gebeten, genügend Trikots nach Hamburg mitzunehmen (lacht).
Wenn man auf der Sternschanze aufwächst: Wie wird man dann Fussballer und nicht Szenegänger?
Früher war das Schanzenviertel ein ganz anderes Quartier als heute. Nun kann man sich da ja auch am Abend mal blicken lassen. Früher war es abends dunkel und auch ein wenig gefährlich. Natürlich gab es damals schon die rote Flora und das linke Milieu. Zlatan und ich waren aber sehr fussballbezogen und haben uns kaum dafür interessiert. Abseits vom Fussballplatz waren wir auf der Schanze einzig unterwegs, um mal einen Döner zu essen (lacht).
Für guten Fussball fehlt das Geld
Der FC Stäfa ist in die 3. Liga abgestiegen, der FC Küsnacht kann nicht mehr an frühere Leistungen anknüpfen: Der Fussball fristet an der Goldküste zunehmend ein Schattendasein.
Eine sportliche Analyse, erschienen am 08. Juli 2010 im Tages-Anzeiger.
Im Sommer 2007 gelang dem FC Küsnacht ein Exploit, wie er am rechten Seeufer zur Rarität geworden ist: Nach 19 Saisons in den Niederungen des Zürcher Amateurfussballs stieg der Verein pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum in die 1. Liga auf. Allerdings zeigte er sich in der höheren Spielklasse zumeist überfordert, und schon am Ende des Jahres stand der direkte Wiederabstieg fest. Seither hat sich der FCK zweimal im Tabellenmittelfeld der 2. Liga interregional klassiert. Ein erneuter Aufstieg in die 1. Liga scheint momentan in weiter Ferne. So haben sich die Zeiten geändert: In den Sechzigerjahren war der FCK noch fast permanent in der obersten Amateurliga vertreten gewesen, ebenso in den Achtzigern. Noch deutlich düsterer sieht es beim FC Stäfa aus.
Hektik auf dem Marktplatz
Eine Reportage, geschrieben im Juni 2010 als Bewerbung für den Master of Arts in Journalism am maz – Die Journalistenschule und an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Auf einem Pult liegt ein Plüschelefant, auf einem anderen stehen Salz- und Pfefferstreuer bereit. Über einem Bürostuhl hängt ein Wollpullover, auf einem Tisch sind CDs gestapelt. In einer Fensternische steht ein halb gefüllter Trinkbecher, das Wasser ist abgestanden und trüb geworden. An der Wand hängt der Dienstplan des vergangenen Dezembers. Der Redaktionsraum sieht aus, als wäre er überstürzt verlassen worden. Als ob ihm mit einem Schlag alles Leben ausgehaucht, alles zum ewigen Stillstand verdammt worden wäre. Am 4. Dezember 2009 wurde die Pendlerzeitung News eingestellt. Die Angestellten erfuhren am Morgen, dass sie für den nächsten Tag keine Ausgabe mehr zu produzieren brauchten. Das für denselben Tag anberaumte Weihnachtsessen der Redaktion geriet zur Henkersmahlzeit.
Einige Meter neben dem stillgelegten Grossraumbüro herrscht reger Betrieb. Immer wieder erschallen laute Direktiven, wird quer durch das Zimmer geschrien. Das Geschehen erinnert an einen Marktplatz. Dreissig Journalisten teilen sich den langgezogenen Raum. „Ich habe den Oasis-Artikel auf Position drei herabgestuft“, ruft Stefan Eiselin, Tagesleiter des Newsnetzes, der gemeinsamen Online-Plattform der zur Tamedia gehörenden Printerzeugnisse. „Der Text zur Auflösung der Band hat überhaupt nicht interessiert, im Gegensatz zur Bildstrecke zum Eurovisionsfinale.“ Missmutig nimmt es Olivia Kühni, die Autorin des degradierten Artikels, zur Kenntnis. Argumente gegen den Entscheid ihres Vorgesetzten hat sie nicht. Der Webseismograph nämlich ist unerbittlich; er lügt nie.


