Dennis Bühler – Journalist

Recherchen, Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen zu Politik, Medien, Gesellschaft und Sport

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«Uber? Rücksichtsloser Raubtierkapitalismus»

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bildschirmfoto-2016-12-08-um-19-50-46Srdjan Velickov (40) fährt seit vier Jahren Taxi in der Stadt Zürich. Seit dem Markteintritt von Uber kann er kaum noch überleben – dem Giganten unterstellt er rücksichtslosen Raubtierkapitalismus. Walter (69) hingegen fährt mit Uber Gäste bis nach München. Er ist seit vier Jahren pensioniert, mag, wenn «etwas läuft», und sagt: «Es macht Spass. Ums Geld geht es mir nicht.»

Zwei Porträts im Vorfeld der ständerätlichen Debatte über die technologische Herausforderung Uber, geschrieben gemeinsam mit Antonio Fumagalli und erschienen am 8. Dezember 2016 in der Südostschweiz und der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz.

Srdjan Velickov: «Sehen Sie diesen Toyota Prius dort drüben? Das ist das Auto eines Uber-Fahrers. Tagein, tagaus wartet er hier an dieser Tankstelle in Zürich­Altstetten auf Aufträge. Und macht mir mein Geschäft kaputt. Für ihr Geschäftsmodell gibt es nur eine treffende Beschreibung: rücksichtsloser Raubtierkapitalismus. Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen ist stets derselbe: Werde ich genug Geld verdienen, um meine Familie und mich über Wasser zu halten? Heute begann ich um sieben Uhr mit der Arbeit, bis zur Mittagszeit habe ich gerade mal 100 Franken brutto verdient. Bevor Uber nach Zürich kam, war mein Lohn viel höher.

Von Montag bis Mittwoch fahre ich tagsüber, von Donnerstag bis Samstag nachts. Doch auch an den Wochenenden ist mein Verdienst gering: Letzte Woche etwa arbeitete ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag von 20 Uhr bis 6 Uhr – zehn Stunden mit einer Stunde Pause – und machte 270 Franken Umsatz. Davon gehen 44 Prozent an mich. Das heisst: Ich habe während der ganzen Nacht gerade mal 119 Franken verdient. Im Monat komme ich auf 2800 Franken netto, obwohl ich sechs Tage die Woche arbeite. Meiner Ex-Frau, die mit meinen zwei 16- und 10- jährigen Söhnen in Düsseldorf lebt, entrichte ich monatlich 900 Franken Unterhalt. Meinen Söhnen bezahle ich zudem Taschengeld von 120 und 80 Franken. Für mich bleibt da kaum etwas übrig.

Ich kann es nicht verstehen: Die Schweiz ist ein ordentliches Land mit guten Gesetzen. Und dann lässt man es zu, dass ein Unternehmen wie Uber Tausende Taxifahrer ins Verderben stürzt. Diese Firma kann tun und lassen, was sie will, obwohl sie praktisch keine Steuern bezahlt. Unsere Branche ist bloss die erste: Heute werden wir attackiert, morgen geht es dem Reinigungsgeschäft ans Lebendige, übermorgen dem Bankwesen.

Uber Pop ist ein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose, Sozialhilfebezüger und Rentner. Die Fahrer verdienen praktisch nichts. Sie lassen sich bloss darauf ein, weil ein minimaler Zustupf immer noch besser ist, als untätig zu Hause rumzusitzen. Sie geben sich mit wenigen Hundert Franken im Monat zufrieden und merken nicht, dass der Weltkonzern Uber auf ihre Kosten riesigen Profit macht.»

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9. Dezember 2016 at 08:00

Blochers Stabschef behält den Zweihänder griffbereit

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Bildschirmfoto 2016-07-31 um 20.18.34Im Oktober ist der Zürcher SVP-Nationalrat Hans Fehr abgewählt worden. Seinen «Auftrag» aber führt der 69-Jährige unbeirrt weiter: Nun wettert er in Zeitungskolumnen und Büchern gegen den Bundesrat, Linke und Nette. Er kuschelt dabei gerne mit seinen Katzen und lacht oft glückselig.

Ein Porträt, erschienen am 30. Juli 2016 in der Südostschweiz sowie der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz.

Ennet dem Rhein, wenige Hundert Meter von der deutschen Grenze entfernt, steht Hans Fehr vor seinem kleinen, roten Reihenein­familienhaus und winkt. Etwas müde sei er, sagt er an diesem frühen Montagmorgen entschuldigend, der Abend auf dem Chileplatz sei lang gewesen. «Filmtage Eglisau.» Seine Augen aber sind wachsam wie eh und je, der Händedruck ist kräftig, und sein Schnauz wippt auf und ab, wenn er lacht. Der Zürcher alt SVP-Nationalrat lacht oft, wie früher im Parlament, als er mit seiner guten Laune die Radikalität seiner Voten kaschierte.

Während sich Pippa im Garten­cheminée räkelt und ihm Pollina um die Beine streicht, wiederholt Fehr sein Motto, das er tags zuvor – voller Freude über die ihm zuteilwerdende Aufmerksamkeit – schon per E-Mail mitgeteilt hat: «Die Katze lässt das Mausen nicht.» Auch wenn er nach 20 Jahren im Bundeshaus abgewählt worden sei, mache er weiterhin Politik. «Schliesslich habe ich mit 69 noch mehr Saft als viele 30-Jährige!» Was klingt wie eine Drohung gegenüber seinen Lieblingsfeinden – den «Linken und Netten» –, soll auch ihn selbst beschwichtigen.

Denn natürlich traf Fehr seine Abwahl hart. Ihn überraschte sie mehr als alle anderen. Am Morgen des 18. Oktober hatte er in Eglisau die Liste 1 der Zürcher SVP in die Urne geworfen, wie er es seit Jahrzehnten tut, dann war er mit seiner Frau Ursula nach Schaffhausen gefahren. Er sass gerade in einer Gartenbeiz am Rhein in der Sonne, als ihn ein Journalist anrief und fragte, ob er sich bewusst sei, dass ihn nur noch ein Wunder vor der Abwahl bewahren könne. Fehr fragte zurück, ob er keinen besseren Witz auf Lager habe.

Von Listenplatz 4 wurde Fehr auf Rang 19 durchgereicht. Dass er Christoph Mörgeli um 500 Stimmen hinter sich liess, machte das Fiasko nicht besser. An ihm vorbeigezogen waren nicht nur Roger Köppel und Ständerats­kandidat Hans-Ueli Vogt, sondern mit Barbara Steinemann, Bruno Walliser, Claudio Zanetti und Mauro Tuena auch Kandidaten, die Fehr mit seiner Bekanntheit locker hätte distanzieren müssen. Um ganze sieben Ränge verpasste er die Wiederwahl. «Seit Jahrzehnten lautet mein Leitsatz: ‘Erfolg sicherstellen statt Misserfolg begründen’», sagt Hans Fehr, Oberstleutnant mit 1400 Diensttagen. «Am 18. Oktober ist mir das nicht gelungen. Meine Lagebeurteilung war zu sorglos ausgefallen, ich hatte mich zu sicher gefühlt und kaum etwas für meine Wiederwahl getan.»

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1. August 2016 at 10:00

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Die Südostschweiz

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Capauls Kampf für Hörner und Würde seiner Tiere

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Screenshot CapaulBergbauer Armin Capaul hat es geschafft: Diese Woche reicht er mehr als 100’000 Unterschriften für seine Volksinitiative ein, die Kühen und Ziegen die Hörner zurückgeben will.

Ein Porträt, erschienen am 19. März 2016 in der Südostschweiz sowie der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz.

Im ersten Gang fährt Armin Capaul in seinem Subaru den steilen Waldweg hoch, vorbei an moosbewachsenen Steinen und hohen Bäumen. Die Reifen quietschen, Kieselsteine spicken weg, Dreck schleudert ans Fenster. «Habe ich Journalisten an Bord, fahre ich immer diesen Weg», sagt Capaul. «Damit sie merken, dass ich Bergbauer und nicht Landwirt bin. Ein Bergbauer ist dankbar für alles, was er bekommt.»

Dann, nach ein paar Minuten, öffnet sich der Wald zur Lichtung, und wir sind da, wo Armin und Claudia Capaul und einer ihrer Söhne zu Hause sind und mit ihnen neun Kühe, drei Rinder, ein Stier, sieben Ziegen, ein Geissbock, 22 Schafe, ein Schafbock, zwei Esel, zwei Hunde und ein paar Katzen. Auf dem Hof Valen­giron hinter Moutier, im «Tal im Schoss», wo das Handy keinen Empfang hat und Capaul «gerade deshalb so viele gute Ideen».

Hier hat er seinen Kampf gestartet, der ihn nächste Woche nach Bern zur Bundeskanzlei führen wird. Am Mittwoch übergibt er mehr als 100’000 Unterschriften für seine Hornkuh-Initiative, mit der er Kühen und Ziegen die Hörner und die Würde zurückgeben möchte. Der 64-Jährige hat geschafft, was ihm kaum ­jemand zugetraut hatte: Quasi im Alleingang stellte er eine Volksinitiative auf die Beine.

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21. März 2016 at 09:00

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Die Südostschweiz

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Im Dorf der Wind-Freunde

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Haldenstein_ScreenshotNirgends ist die Grünliberale Partei so stark wie in der Bündner Gemeinde Haldenstein. Doch der Sitz von Nationalrat Josias F. Gasser ist akut gefährdet.

Eine Reportage, erschienen am 29. Juli 2015 in der Südostschweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung.

Josias F. Gasser steht am Fenster der zweiten Etage seines Firmengebäudes und zeigt über den Fluss: Dort drüben, auf der anderen Rheinseite, habe sein Onkel das Unternehmen 1948 in der Scheune des elterlichen Bauernhauses gegründet. Und dort hinten habe seine Grossmutter gewohnt, bei der er die Sommerferien verbracht, Schafe ­gehütet und Kirschen gepflückt habe. Gasser, man glaubt es ihm schnell, ist Haldensteiner durch und durch, auch wenn er in der Stadt Zürich auf­gewachsen ist, auch wenn er im nahen Chur wohnt und als Nationalrat in Bern politisiert. Und auch wenn seine Bau­materialienhandlung mit ihren rund 125 Mitarbeitern auf der falschen Flussseite steht, seit sie sein Onkel 1959 über­siedelte. Nicht mehr in Haldenstein, sondern auf Churer Gemeindegebiet.

Dem Dorf an der Südostflanke des ­Calanda entgehen so Steuermillionen, wohlgelitten ist der 62-jährige Gasser trotzdem. Gegen sein Windrad mitten in der Rheintalebene gab es in Haldenstein kaum Opposition. Einzig ein paar Naturschützer warnten, Tausende ­Vögel könnten von der grössten Windenergieanlage der Schweiz zerstückelt werden. Doch eine Studie der Vogelwarte Sempach gab Gasser vor ein paar Wochen recht. Weder Vögel noch Fledermäuse lassen sich vom 119 Meter hohen und 317 Tonnen schweren Turm mit seinen 54,65 Meter langen Rotorblättern stören. 6,9 Millionen Franken liessen sich Gasser und sein Mitstreiter Jürg Michel die Windanlage vor zweieinhalb Jahren kosten. Im Jahresschnitt liefert sie 4,5 Millionen Kilowattstunden Strom. Gegenwärtig evaluieren die beiden Unternehmer mögliche Standorte für ein zweites Windrad.

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29. Juli 2015 at 13:30

Sprüche und Weisheiten für eine Viertelmillion

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Samedin, Screenshot«Wir wollen doch bloss wieder Kinder sein, weil aufgeschlagene Knie viel schneller heilen als gebrochene Herzen» – mit kitschigen Lebensweisheiten wie dieser begeistert der St. Galler Samedin Selimovic Hunderttausende in den sozialen Medien. Ein Porträt des erfolgreichsten Instagramers der Schweiz, erschienen am 20. März 2015 in der Südostschweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung sowie am 21. März 2015 auf Watson.

In engen Kurven schlängelt sich der Bus den Berg empor, vorbei an  grünen Wiesen, schmucken Holzchalets und den Haltestellen Post, Hirschen, Seestern und Montana, unter sich ein Nebelmeer und den Walensee zurücklassend, über sich den Leistchamm, den Flügenspitz, den Mattstock und einen strahlend blauen Himmel. Hier also ist er zu Hause, der König der Likes, dem auf Instagram 278 000 Menschen folgen und auf Facebook 130 000. Als der Bus in die Haltebucht der Station Brugg einfährt, drücken drei Primarschüler ihre Nasen an die Scheibe: «Schaut, schaut, dort steht Samedin», rufen sie.

Hier, in der totalen Idylle, im sanktgallischen Amden auf 903 Meter über Meer, ist Samedin Selimovic bekannt, ein Star fast. So, wie er es online im ganzen deutschen Sprachraum ist. Ein Vorbild will er sein für die Jugend, und er hat genügend Selbstvertrauen, um zu sagen: «Das bin ich längst. Schliesslich habe ich mehr Follower als Xherdan Shaqiri.»

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20. März 2015 at 16:15

«Verrätst du mir den PIN-Code deines Bankkärtchens?»

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Weiterlesen (pdf)...Der Bündner Simon Gantenbein kämpft an vorderster Front gegen das neue Nachrichtendienstgesetz, über das der Nationalrat in der Frühjahrssession befindet. Ein Porträt, erschienen am 16. März 2015 in der Südost-schweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung.

Simon Gantenbein spricht beim Gespräch in einem Café in der Berner Innenstadt derart laut und bestimmt, dass sich irgendwann die beiden Rentner vom Nebentisch erheben und zur Mässigung aufrufen. Gantenbein will warnen, will aufrütteln, er will, dass die Gesellschaft endlich die Augen öffnet. Denn er kann einfach nicht verstehen, dass viele Leute selbst in seinem Umfeld bloss mit den Achseln zucken, wenn sie erstmals vom neuen Nachrichtendienst­gesetz hören. «Die freiheitlichen Werte unserer Gesellschaft sind in Gefahr», sagt er. «Nicht mehr und nicht weniger.»

Heute Montag und morgen Dienstag berät der Nationalrat das neue Nachrichtendienstgesetz, das dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) erlauben soll, private Räume zu verwanzen, Telefone abzuhören, E-Mails mitzulesen, per Staatstrojaner in fremde Computer einzudringen und Privatpersonen und Unternehmen zur Auskunft zu verpflichten (siehe Kasten). «Das Gesetz verleiht dem NDB sehr viele Kompetenzen», sagt Gantenbein. «Und das ohne greifende Kontrollinstanzen. Es ist, als gäbe man einem Fünfjährigen eine ­Motorsäge zum Spielen.»

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Written by Dennis Bühler

16. März 2015 at 23:08