Schweiss und Schläge
Ein fehlender Mundschutz, ein ungerechter Ringrichter, eine Niederlage gegen den grössten Rivalen: Der Zürcher Shemsi Aslani gewinnt an der Karate-Schweizer-Meisterschaft nur die Bronzemedaille.
Eine Reportage, erschienen am 22. November 2011 im Tages-Anzeiger.
Auf der Tribüne brüllt der Vater und buhen die Teamkollegen, in der Ringecke tobt der Trainer. Shemsi Aslani aber bleibt ruhig. Sechs Sekunden müssen genügen, um den Rückstand aufzuholen. Die Hände ballt er zu Fäusten, mit wachsamen Augen umtänzelt er seinen Gegner. Plötzlich ein Vorpreschen, blitzschnell, lautes Angriffsgebrüll. Aslani wirft sich in seinen Gegner, der ausgestreckte Arm kracht in die Flanke. Dumpf klingt der Aufprall. Frenetisch ist der Jubel.
Die Stunde der Aussenseiter
Die Schweizer Piratenpartei tritt in sieben Kantonen zu den Nationalratswahlen in Bern an. Doch was fordern die Piraten? Und wie stehen ihre Chancen, den Überraschungscoup der Piratenpartei Berlin zu wiederholen? Ein Besuch beim letzten Piratenstammtisch vor der Wahl, gleich neben den Bahngeleisen in Winterthur, mag Aufschluss geben.
Eine Reportage, geschrieben gemeinsam mit Anna Miller und erschienen am 20. Oktober 2011 auf dem Internetportal Infosperber.
Es riecht nach Schweiss und Fett an diesem Abend, kurz vor Neun. Im Hinterzimmer des New Point Restaurants in Winterthur sitzen sie, zwölf Mitglieder der Piratenpartei Schweiz, an einem weiss gedeckten Tisch. Hier scheinen die Gesetze der Welt für einmal nicht zu greifen: Das Kebab-Imperium New Point verkauft hier alles, nur keinen Döner. Und die Piratenpartei kriegt weisse Tischdecken. Den ersten anwesenden Mitgliedern ist’s sichtlich unangenehm. Wenn die Piratenpartei eines nicht möchte, ist es, mit Oberflächlichkeiten zu punkten.
«Die Scheiss-Sprossen haben wir auf jeden Mist drauf geklatscht»
Ein Gastwirt, ein Chefarzt und ein Laborleiter blicken zurück: drei Protagonisten der Ehec-Epidemie und ihre Erinnerungen an die Wochen der Ungewissheit. Aufgezeichnet für die tageszeitung vom 12. Oktober 2011.
Am Morgen des 4. Juni rief mich mein Sohn ganz aufgeregt an. „Papa“, sagte er, „komm schnell her. Bei uns vor dem Kartoffelkeller stehen elf Fernsehstationen aus aller Welt und stellen Fragen zu Ehec.“ Ich bin mit den Journalisten in die Küche gegangen, die durften in jeden Topf rein gucken, jede Speise probieren. Sie durften mit allen Beschäftigen sprechen, auch mit den Gästen. Ich wusste: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Also lasse ich am besten die Hosen herunter. Bei uns im Kartoffelkeller haben sich mindestens 80 Leute mit Ehec angesteckt, eine Frau ist gestorben. Die Scheiß-Sprossen haben wir ja auch auf jeden Mist drauf geklatscht. (…)
Eines Tages titelte die Hamburger Morgenpost: „Rolf Stahl – hat dieser Arzt die Wunderwaffe?“ Ich hatte mit keinem Reporter der Mopo gesprochen, deshalb traf mich die Schlagzeile unvorbereitet. In der Nacht vor Erscheinen dieser Ausgabe hatte ich lange mit der Entscheidung gerungen, den Antikörper Eculizumab einzusetzen. Dies war nämlich nicht ohne Risiko, wusste zu diesem Zeitpunkt doch niemand, ob die Patienten auf diese Behandlungsmethode ansprechen würden. Man stelle sich vor, die Erkrankten hätten sich einige Tage später alle zum Schlechten entwickelt. Was wäre dann gewesen? Der reißerische Zeitungstitel hat mich unter Druck gesetzt, er hat Erwartungen geschürt, die ich nicht erfüllen konnte. In der Medizin gibt es nämlich keine Wunderwaffen, nur schon der Begriff war falsch gewählt. Auch deshalb war mir diese Schlagzeile zuwider. Sie bedrückt mich bis heute. (…)
Lebensmittelkontrolleure zogen teilweise bei Nacht und Nebel los, um Proben aus den Kühlschränken der betroffenen Familien zu holen. Unser Institut und die Gesundheitsbehörde haben die Analyseergebnisse der spanischen Gurken früh öffentlich gemacht, um die Menschen vor den gefundenen Krankheitserregern zu warnen. Wir alle hofften, die Quelle der Epidemie gefunden zu haben. Als einige Tage später die Serotypologie vorlag und sich unser Verdacht nicht bestätigte, waren wir entsprechend ernüchtert. Vorzuwerfen haben wir uns aber nichts. (…)
Erst mal wird gefeiert
ABSACKER Im „Clochard“ auf der Reeperbahn finden nicht nur Punks, Penner und Alkoholiker eine Heimat. 24 Stunden in einer Hamburger Kneipe, die seit 30 Jahren partout nicht schlafen will.
Eine Reportage, geschrieben gemeinsam mit Adrian Meyer und erschienen am am 24. September 2011 in der tageszeitung.
An einem Freitag, zur Mittagszeit, müffelt der Eingang nach Urin. Der Boden ist klebrig, lange bevor die Eskapaden des Wochenendes über die Reeperbahn hereinbrechen. „Rund um die Uhr geöffnet“ steht über der Tür. Daneben: „Die billige Kneipe auf derMeile“. Oben, im ersten Stockwerk, scheppert HeavyMetal aus den Boxen. Die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit im Raum. An den Wänden kleben Astra-Etiketten, Zeugnisse vieler leer getrunkener Flaschen. Der Dreck des Bodens frisst sich die Holzwände hoch. Der „Clochard“ schwitzt, von all dem Bier, den Tausenden gerauchter Zigaretten. Mitten im Raum wartet ein Kicker auf das nächste Spiel. Dahinter, in der dunkelsten Ecke, schummert bläulich das Licht einer Neonröhre: So sollen Junkies ihre Venen schlechter finden. Drei Punks und eine Barkeeperin mit schulterlangen, grauen Strähnen lagern am Tresen. Astra: 1,70 Euro, Korn: 90 Cent. Im Winter Schmalzbrote, gratis. Auf der Hausverbotsliste stehen Dutzende Namen, Kiez-Pseudonyme wie „Pommes“ oder „Jesus“. Wer diese Menschen wirklich sind, weiß hier niemand mehr.
Trink nicht in Bus und Bahn
HAMBURG Nun wird hart durchgegriffen: Wer in Bussen und Bahnen säuft, muss fortan mit Ärger und demnächst mit einem Bußgeld rechnen. Aber was soll das Verbot bringen?
Ein Kurzessay, erschienen am 1. September 2011 in der tageszeitung.
Hamburg nimmt den Kampf auf gegen den Alkohol. In öffentlichen Verkehrsmitteln dürfen ab heute keine Getränke mehr konsumiert werden, die dafür sorgen können, dass Leute ausrasten und alle Konventionen vergessen: dass sie in die Ecke urinieren, über Sitzbänke kotzen, Menschen anlallen oder verprügeln. Wer gegen das Alkoholverbot verstößt, wird zunächst nur verwarnt. Ab dem1. Oktober aber muss der Kriminelle mit einer Buße von 40 Euro rechnen. Aber warum eigentlich?
In Berlin ist Alkohol im öffentlichen Nahverkehr erlaubt,weil es zum „Lifestyle“ der Stadt gehöre, wie ein Sprecher des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg sagt. In Hamburg soll das anders sein. Das Alkoholverbot ist der bisher letzte Schritt der Offensive einer Stadt, die sich säubern will: weg mit Bierflaschen, weg mit Kippen, weg mit Pennern und Obdachlosen. Was das Erscheinungsbild stört, wird verfolgt.
Spiessig und hinterwäldlerisch
Musste CDU-Politiker Christian von Boetticher wegen seiner Affäre mit einer 16-Jährigen zurücktreten? Keine Gesetzesverletzung, keine Strafe – von Boetticher hat sich nichts zuschulden kommen lassen.
Ein Kommentar, erschienen am 16. August 2011 in der tageszeitung.
Christian von Boetticher, bis gestern designierter CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in neun Monaten, mag ein Opfer seiner Naivität sein. Dass die sexuelle Beziehung zu einer Minderjährigen ihn die politische Karriere kostet, darf nicht überraschen. Dennoch sagt es mehr aus über die Funktionsweise einer sensationsgeilen Presse und einer Öffentlichkeit, der der Blick fürs Wesentliche abhanden gekommen ist. Politiker werden nicht mehr nach Leistungskriterien bewertet. Die Frage ist nicht, ob ein Amtsträger gut regiert, ob er hält,was er vor der Wahl versprochen hat. Oder ob er einen sinnigen,würdigen Wahlkampf bestreitet. Lieber wird mit dem Teleobjektiv in fremde Schlafzimmer gezoomt. Wichtig ist nicht mehr, was im Regierungszimmer vonstatten geht. Entscheidend sind die Bettgeschichten.
Eigentlich aber geht es niemanden etwas an, mit wem Christian von Boetticher unter der Bettdecke verschwindet – solange er sich dabei nicht strafbar macht. An Politiker höhere moralische Ansprüche als an „normale“ Menschen zu stellen, ist heuchlerisch. Sobald ein Prominenter über eine Affäre stolpert, wird mit dem Finger auf ihn gezeigt. Auch wenn er keine Gesetze verletzt hat – sondern höchstens ein Tabu und vage Sittlichkeitskonventionen. In einer zivilisierten Welt mit einer fortschrittlichen Gesetzgebung sollten die Rechtssätze jedoch den gängigen Normvorstellungen entsprechen. Keine Strafe ohne Gesetz – das wussten schon die antiken Römer. Auch wenn von Boetticher keine Strafverfolgung fürchten muss, ist er hart bestraft worden. Sein steiler Aufstieg ist zu Ende, politisch ist er bankrott.




