Posts Tagged ‘Porträt’
Der Zauberer braucht einen Smoking
Ein Oscar für „Professor Hexenmeister“: Markus Gross lässt es in Filmen realistisch dampfen, rauchen und spritzen.
Ein Porträt eines Wissenschaftlers, erschienen am 7. Februar 2013 im Ressort Wissen der ZEIT.
Von Schweizer Zeitungen wird der Saarländer mit dem Schweizer Pass als »Professor Hexenmeister«, als »Merlin« oder als »Mann mit dem Zauberkasten« beschrieben. Was er tut, sieht tatsächlich ein bisschen nach Magie aus – er lässt es dampfen und qualmen. Allerdings nicht in der Wirklichkeit, sondern in der Simulation. Markus Gross ist ein Magier im virtuellen Raum. Zusammen mit drei ehemaligen Kollegen hat der Professor für Computergrafik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich eine Software entwickelt, mit der Rauch, Nebel und Explosionen in Animationsfilmen realistisch simuliert werden können.
Das Risikokapital
Belinda Bencic soll ein Tennisstar werden. Das hat Vater Ivan noch vor ihrer Geburt entschieden. Doch ist Erfolg planbar?
Ein Hintergrundartikel, erschienen am 31. Mai 2012 in der ZEIT Schweiz.
Nicht weit von hier hat ihr Vater damals eine Schnur über den Garagenvorplatz gespannt und ihr einige Bälle zugespielt. Das war im Herbst 1999. Belinda Bencic war zwei Jahre alt. Heute, an einem kühlen Morgen, retourniert sie in der Tennishalle von Niederuzwil jeden Ball, den ihr der Sparringspartner serviert. Vorhand, Rückhand, Belinda macht kaum einen Fehler, sie jagt den Gegner von einer Ecke zur anderen. Nach einem besonders gelungenen Schlag huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Die Rentner, die sich die Nebenplätze gemietet haben, unterbrechen ihr Spiel. Sie staunen und tuscheln. Dass Belinda Bencic die Bälle mit so viel Verve übers Netz schlägt, ist die Frucht harter Arbeit – und die Erfüllung eines Masterplans.
Ein Pirat ohne Beute
Der neue Präsident der Schweizer Piratenpartei will ähnliche Erfolge feiern wie seine deutschen Kollegen. Geht das?
Eine Analyse, erschienen am 12. April 2012 in der ZEIT Schweiz.
Ort der Handlung ist ein schmuckloses Restaurant gleich neben den Geleisen des Bahnhofs Winterthur. Thomas Bruderer sitzt inmitten seiner dunkel gekleideten Mitstreiter, trinkt Eistee und isst Pizza. Es ist ein kalter, windiger Abend Mitte Oktober 2011, der letzte Piratenstammtisch vor den Schweizer Parlamentswahlen. Noch ist Bruderer nur die kantonale Nummer zwei der Piratenpartei, auf der Nationalratsliste gleich hinter dem Spitzenkandidaten aufgeführt. Und doch hat Bruderer Angst, er könnte gewählt werden. »So war das nie geplant«, sagt er.
«Ein einziger Flop»
In der Schweiz suchten sie Arbeit und Glück – und scheiterten. Zwei Deutsche erzählen.
Zwei Porträts, erschienen am 1. März 2012 in der ZEIT Schweiz.
Fünf, sechs Schritte braucht der Mann, den wir hier Hartmut Ehlert nennen wollen, um seine Ein-Zimmer-Dachwohnung in Uzwil zu durchqueren, vom beigefarbenen Ecksofa, das nachts als Bett dient, zum Pult, an dem er seit einem Jahr sein Leben niederschreibt: vorbei an den Plastikblumen, den Fotografien seiner beiden Enkeltöchter, dem Foto, das seinen Hund und seine Frau zeigt, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist, die er aber seit 2006 nur alle paar Wochen mal sieht. Seit er sich ins Auto gesetzt und Dresden verlassen hat, um in die Schweiz zu ziehen, in der man ein besseres Leben führt als im Osten Deutschlands. Bei fünf Unternehmen hat er seither gearbeitet, immer wieder war er arbeitslos – die Schweiz hat ihm kein Glück gebracht. Seit sechs Wochen stempelt er wieder. »Abends«, sagt Ehlert, »kann es komisch werden, so alleine dazusitzen. Da ist man mitunter seelisch am Boden.«
«Die Scheiss-Sprossen haben wir auf jeden Mist drauf geklatscht»
Ein Gastwirt, ein Chefarzt und ein Laborleiter blicken zurück: drei Protagonisten der Ehec-Epidemie und ihre Erinnerungen an die Wochen der Ungewissheit. Aufgezeichnet für die tageszeitung vom 12. Oktober 2011.
Am Morgen des 4. Juni rief mich mein Sohn ganz aufgeregt an. „Papa“, sagte er, „komm schnell her. Bei uns vor dem Kartoffelkeller stehen elf Fernsehstationen aus aller Welt und stellen Fragen zu Ehec.“ Ich bin mit den Journalisten in die Küche gegangen, die durften in jeden Topf rein gucken, jede Speise probieren. Sie durften mit allen Beschäftigen sprechen, auch mit den Gästen. Ich wusste: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Also lasse ich am besten die Hosen herunter. Bei uns im Kartoffelkeller haben sich mindestens 80 Leute mit Ehec angesteckt, eine Frau ist gestorben. Die Scheiß-Sprossen haben wir ja auch auf jeden Mist drauf geklatscht. (…)
Eines Tages titelte die Hamburger Morgenpost: „Rolf Stahl – hat dieser Arzt die Wunderwaffe?“ Ich hatte mit keinem Reporter der Mopo gesprochen, deshalb traf mich die Schlagzeile unvorbereitet. In der Nacht vor Erscheinen dieser Ausgabe hatte ich lange mit der Entscheidung gerungen, den Antikörper Eculizumab einzusetzen. Dies war nämlich nicht ohne Risiko, wusste zu diesem Zeitpunkt doch niemand, ob die Patienten auf diese Behandlungsmethode ansprechen würden. Man stelle sich vor, die Erkrankten hätten sich einige Tage später alle zum Schlechten entwickelt. Was wäre dann gewesen? Der reißerische Zeitungstitel hat mich unter Druck gesetzt, er hat Erwartungen geschürt, die ich nicht erfüllen konnte. In der Medizin gibt es nämlich keine Wunderwaffen, nur schon der Begriff war falsch gewählt. Auch deshalb war mir diese Schlagzeile zuwider. Sie bedrückt mich bis heute. (…)
Lebensmittelkontrolleure zogen teilweise bei Nacht und Nebel los, um Proben aus den Kühlschränken der betroffenen Familien zu holen. Unser Institut und die Gesundheitsbehörde haben die Analyseergebnisse der spanischen Gurken früh öffentlich gemacht, um die Menschen vor den gefundenen Krankheitserregern zu warnen. Wir alle hofften, die Quelle der Epidemie gefunden zu haben. Als einige Tage später die Serotypologie vorlag und sich unser Verdacht nicht bestätigte, waren wir entsprechend ernüchtert. Vorzuwerfen haben wir uns aber nichts. (…)
Ein Leisetreter mit grossen Plänen
BERLIN Nach dem Aufstieg mit Hertha Berlin in die 1. Bundesliga soll es nun der EM-Titel mit der U-21 sein: So will der Luzerner Fabian Lustenberger die Saison krönen.
Ein Porträt aus Berlin, erschienen am 10. Juni 2011 in der Neuen Luzerner Zeitung.
Fabian Lustenberger ist kein Blender, keiner, der grosse Töne spuckt. Lieber lässt er Leistung sprechen. Er ist zufrieden, wenn andere im Scheinwerferlicht stehen, andere die Zeitungsspalten füllen und er seine Ruhe hat. Deshalb erstaunt es umso mehr, wenn einer wie Lustenberger sagt: «Ich will mit der U-21 in Dänemark Europameister werden. Wer sich keine hohen Ziele setzt, kann auch zu Hause bleiben.»
Rückblende. Berlin, ein Abend Mitte Mai, strömender Regen. Fabian Lustenberger lädt zum Gespräch in eine schmucklose Pizzeria in Stadionnähe, an einen Ort, an dem der noble Stadtteil Charlottenburg wenig glamourös ist. Am Nachmittag hat er per SMS gefragt, ob seine Freundin zum Interview mitkommen dürfe, nun bestellt Fabian Apfelschorle und Lasagne, Monique Pfefferminztee und Thonsalat. Im August wird der 23-jährige Innerschweizer erstmals Vater, in einem Alter, in dem andere Fussballprofis noch um die Häuser ziehen, das schnell verdiente Geld und den neuen Ruhm zur Schau stellen. Die anstehenden Ferientage vor dem Zusammenzug der U-21 wolle er zu Hause bei den Eltern in Nebikon verbringen, erzählt er, bei Mutter Monica und Vater Hans. Fast treibt ihn schlechtes Gewissen um, wenn er vom bevorstehenden Kurzurlaub ohne Anhang auf Mallorca erzählt, der für die Spieler von Hertha BSC Belohnung für die Leistungen der abgelaufenen Saison sein soll. Mit den Mitspielern und Trainer Markus Babbel Sangria und Weissbier feiernd am Ballermann – es fällt schwer, sich Lustenberger so ausgelassen vorzustellen. «Wichtig ist, fit für die U-21-EM zu bleiben», sagt er.



