Archive for the ‘Aargauer Zeitung’ Category
«Wir setzen unsere Ideen um, wenn wir an der Macht sind»
300 Jugendliche aus 36 Ländern debattieren in Zürich über die Zukunft Europas – ein Knochenjob wie bei den Grossen. Probleme lösen will der Nachwuchs, die Welt verändern nicht unbedingt.
Eine Reportage aus einem Konferenzsaal, erschienen am 27. Juli 2013 in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung und der Südostschweiz.
Dass das Leben als Politiker hart und voll von Ritualen ist, wird den Jugendlichen, falls sie es nicht eh längst wissen, rasch klar: Bevor die Debatte beginnen kann, muss die Generalversammlung des europäischen Jugendparlamentes Reden von Sponsoren und Lobbyisten über sich ergehen lassen. Dann, nach 45 langen Minuten, erheben sich die 300 16- bis 25-jährigen Jugendlichen aus 36 Ländern für die neunte Sinfonie Ludwig van Beethovens, die Europahymne. Mucksmäuschenstill ist es – vielleicht aus Andacht, vielleicht, weil niemand den Beginn der Diskussion noch weiter hinauszögern will. Mit Ausnahme der Parlamentspräsidentin, der 25-jährigen Münchnerin Kerstin Mathias, die erst noch die Regeln erläutern muss, etwa die streng limitierte Redezeit.
Von einem kleinen Beben lässt sich Familie Ruf nicht stören
Am Fusse des Bohrturms des St. Galler Geothermie-Projekts liegt der Bauernhof der Familie Ruf. Eine Reportage von einem Ort, der für gewöhnlich nur wegen des Open Airs in die Schlagzeilen gerät.
Erschienen am 23. Juli 2013 in der Südostschweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung.
Wo Hunderte Zelte standen, wo Heerscharen in Gummistiefeln feierten bis zum Umfallen und sich im Schlamm suhlten, wo Sophie Hunger und Die Ärzte auf Bühnen standen und sich von den Fans feiern liessen, sind die Wiesen braun und tot. Eine Landschaft ohne Gräser zeugt vom viertägigen Wahnsinn. Doch ist der Schlamm längst getrocknet, der das Open Air St. Gallen vor dreieinhalb Wochen genauso prägte wie die gute, laute Musik. Die Vögel zwitschern, die Sitter fliesst zwischen den Bäumen hindurch, die Sonne brennt vom Himmel herab. Eine heile Welt eigentlich, die ihre Ruhe wiedergefunden hat. Wäre da nicht der Bohrturm ennet des Flusses, einige dutzend Meter entfernt nur, der über der grössten Baustelle der Stadt 58 Meter in die Höhe ragt. Eine deutsche und eine Schweizerflagge flattern hoch über der Plattform, auf der in der Nacht auf Samstag Menschenleben auf dem Spiel standen, oder, um es mit Stadtrat Fredy Brunner zu sagen: wo sich ein Super-GAU ereignete.
Einfach mal verreisen
Während des Sommerlochs tun sich Journalisten besonders schwer, Schlagzeilen zu produzieren, die länger als bis zur nächsten Ausgabe haltbar sind. Weshalb es Universitätsprofessoren genau richtig machen, wenn sie während der ereignisarmen Sommermonate untertauchen.
Eine Kolumne, erschienen am 14. Juli 2013 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung).
Wo sind die Wissenschafter, die fern von Parteiinteressen Analyse und Einordnung bieten könnten? Der Basler Staatsrechtler Markus Schefer weilt in den USA, die Luzerner Ordinaria Martina Caroni ist auf einer mehrtägigen Bergtour. Die Zürcher Professoren Biaggini, Diggelmann, Kiener, Kley und Uhlmann sind genauso abgetaucht wie Daniela Thurnherr von der Universität Basel oder der Berner Walter Kälin. Sie alle machen es richtig: Im Juli sollte man verreisen. Durchatmen und Abstand gewinnen. Den Politikern täte eine Auszeit gut. Und den Journalisten auch.
Mal von linker, mal von rechter Seite
Die Volkswahl des Bundesrates haben in den letzten 165 Jahren immer jene gefordert, die sich im Bundesrat nicht genügend vertreten sahen. Jetzt ist es die SVP. Die Volkswahl – eine Idee von Verlierern?
Ein historischer Abriss, erschienen am 3. Mai 2013 in der Südostschweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung.
Manch einer hat in 165 Jahren Bundesstaat die Volkswahl gefordert. Staatsgründer Ulrich Ochsenbein gehört dazu, einige Wochen nach der Verfassungsgebung 1848 vom Parlament mit der höchsten Stimmenzahl in den ersten Bundesrat gewählt. Sein Postulat wird von der verfassungsgebenden Tagsatzung jedoch knapp mit 10:9 Stimmen abgelehnt. Nie wieder werden jene, die das Volk für das richtige Wahlgremium halten, ihrem Ziel so nah sein. Christoph Blocher ist einer von ihnen, um die Jahrtausendwende einer der lautstärksten Polterer für die Volkswahl, nach seinem Eintritt in die Regierung in dieser Frage aber plötzlich zurückhaltend. Seine Abwahl im Dezember 2007 nimmt er zum Anlass, um die Idee aus der Schublade zu holen und eine Volksinitiative zu lancieren. Nicht mehr National- und Ständerat sollen über die Zusammensetzung der Regierung entscheiden, sondern das Volk. Am 9. Juni wird abgestimmt. Nicht zum ersten Mal. Die Volkswahlidee, schrieb einst der 2003 verstorbene Rechtsprofessor Alfred Kölz, sei «wie die Glut, die unter verschiedenen politischen Winden periodisch immer wieder aufflamme».
