Dennis Bühler – Journalist

Recherchen, Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen zu Politik, Medien, Gesellschaft und Sport

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Das Erdmännchen

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Er hat den gegenwärtig schwierigsten Posten aller Schweizer Botschafter: Walter Haffner, unser Mann in der Türkei. Ein echter Paradiesvogel. Oder wie er selbst schreibt: ein Erdmännchen.

Eine Blog-Betrachtung, erschienen am 30. März 2017 in der Südostschweiz sowie der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz.

«Ich kann und möchte es nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen», schreibt Walter Haffner, Schweizer Botschafter in Ankara, am 15.   März in einer E-Mail an den Informatikdienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Einige Tage ­zuvor hat der türkische ­Aussenminister Mevlüt Cavusoglu einen Auftritt im Kanton Zürich abgesagt, einige Tage später reist er doch noch in die Schweiz und trifft Bundesrat Didier Burkhalter. Am vergangenen Samstag dann halten linksautonome Kreise bei einer Demon­stration auf dem Bundesplatz ein Transparent in die Höhe, das zur Erschiessung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufruft.

Botschafter Haffner wird ins Aussenministerium zitiert, die türkische Justiz beginnt wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Propaganda für eine Terrororganisation und Beleidigung des Präsidenten zu ermitteln. Kurzum: Am Tag, an dem Haffner per E-Mail an seinem Dasein als Mensch zweifelt, steuert das schweiz-türkische Verhältnis auf den Tiefpunkt zu.

Gleichentags postet Spitzendiplomat Haffner den Schriftverkehr mit der Berner Zentrale auf seinem privaten Blog «walterswunderbarewelt.com». «Ich bin vor 30 Jahren als ­Erdmännchen zum Concours angetreten und ich ­werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden», schreibt der 59-Jährige. Um seinen Beruf ausüben zu können, habe er lediglich seine Ernährung ein wenig umstellen müssen, «da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.»

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30. März 2017 at 09:30

Der Traum vom Inselstaat lebt

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bildschirmfoto-2017-02-03-um-10-28-59SVP-Nationalrätin Yvette Estermann will die Sommerzeit abschaffen. Der Bundesrat nicht.

Eine Glosse, erschienen am 3. Februar 2017 in der Südostschweiz sowie der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz.

«Schluss mit der Zeit-Umstellung!» – die Forderung der Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann ist klipp und klar. Obwohl die Sommerzeit am 28. Mai 1978 in einer Volksabstimmung klar abgelehnt worden sei, habe sich der Bundesrat Europa angeschlossen und die Sommerzeit 1981 eingeführt, begründet Estermann ihre Motion. Welch Volksverräter! Welch Euroturbos!

Vor gut vier Jahren erst lehnte der Nationalrat einen deckungsgleichen Vorstoss ihres umtriebigen Mitglieds klar ab. Trotzdem versucht es Estermann erneut. Warum? «Weil die Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die Zeitumstellung wächst», behauptet die SVP-Frau. Weil Menschen in ganz Europa leiden, schaut sie über den Tellerrand hinaus: Sorgfältig listet Estermann auf, welche Zeit für welches Land die richtige wäre. In südlichen Ländern profitiere man von langen Abenden, wenn man ganzjährig bei der Sommerzeit bleibe. Ihre Beispiele: Mallorca und Ibiza (sic!). Im Norden aber sei man sich gewohnt, früher am Tag mit der Arbeit zu beginnen. «Darum ist für diese Länder die Winterzeit zu bevorzugen.» Ihre Beispiele: Russland – und Ägypten (sic!).

Der Bundesrat zerzaust den Vorschlag Estermanns in seiner gestern publizierten Antwort. So warnt er unter anderem vor «regelmässigen Missverständnissen bei Terminen» (nicht auszudenken, die Staatsoberhäupter Angela Merkel, François Hollande und Matteo Renzi hätten bei der Neat-Eröffnung im letzten Sommer den Zug durch den Gotthard verpasst!). Vor allem aber befürchtet er, die Schweiz würde im Falle eines Alleingangs zur «Zeitinsel». Womöglich aber ist allen Begründungen zum Trotz just dies Yvette Estermanns Ziel: Die Schweiz, ein Inselstaat – wie Ibiza!

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3. Februar 2017 at 10:40

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Die Südostschweiz

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Einzig wahrer Sprengkandidat

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Einzig wahrer SprengkandidatEin Spürhund hat Nationalrat Raymond Clottu in den Allerwertesten gebissen.

Eine Glosse, erschienen am 11. Dezember 2015 in der Südostschweiz und der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung.

Auf einmal preschte er vor und schnappte zu: der Sprengstoff-Suchhund, der am frühen Dienstagabend den Eingangsbereich des Bundeshauses bewachte und kontrollierte, was angeliefert wurde. An Hunderten Kisten, welche TV- und Radiostationen für die Übertragung der Bundesratswahlen am Tag danach ins Gebäude schafften, schnüffelte der Hund, nichts hatte er zu beanstanden. Doch dann kam Raymond Clottu die Treppe runter. Der SVP-Nationalrat aus dem Kanton Neuenburg ist eine Gmüetsmoore, die wirkt, als täte sie nie jemandem etwas zuleide. Doch nach einem kurzen Gespräch mit einem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes drehte er sich etwas abrupt ab – und augenblicklich war der Hund zur Stelle. Vom Gesäss bis zur Kniekehle zerfetzte er Clottus Hose. Immerhin: Der 47-Jährige blieb unverletzt.

Entblösst und etwas verdattert, aber durchaus belustigt verzog sich Clottu in ein Hinterzimmer. «Für einmal war die Verwaltung vorbildlich effizient», lobte er hinterher. «Sie hat mich gefragt, wo ich meinen Anzug gekauft hätte, und hat mir in einem Berner Kleidergeschäft im Nu gleichwertige und zum Jackett passende Ersatzhosen gekauft.» Weder dem Hundeführer noch dem Tier gegenüber hege er Groll, versicherte Clottu. «Der Hund wollte doch bloss spielen. Ich verstehe ihn. Es ist hier im Bundeshaus ja nicht immer allzu interessant.»

Einen Parteikollegen, der zur Tatzeit gleich neben Clottu stand, hatte der Hund fast mehr erschreckt als den Attackierten selbst: den Bündner Nationalrat Heinz Brand, den Linke und Mitte-­Politiker gerne als Bundesrats-Sprengkandidaten gegen das offizielle SVP-Dreierticket lanciert hätten. «Ich habe immer gesagt, dass ich nicht als Sprengkandidat zur Verfügung stehe», sagte Brand und scherzte: «Und jetzt hat der auf Sprengstoff trainierte Hund bestätigt, dass ich auch nicht dazu taugen würde. Sonst hätte er meine Wade vorgezogen.»

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11. Dezember 2015 at 11:30

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Die Südostschweiz

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König Sepps grösster Fan

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König Sepps grösster Fan ScreenshotDer Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann bekennt sich zu Fifa- ­­Präsident Blatter. Eine kommentierende Glosse, erschienen am 6. Mai 2015 in der Südostschweiz.

Die Stimme kommt aus dem Off. «Paradiesische Zustände für dubiose Machenschaften: Die Anti-Korruptions-Gesetze in der Schweiz sind lasch, die Fifa und andere Sportverbände von Steuern befreit», sagt der Sprecher des ARD-Dokumentarfilms über den Weltfussballverband und dessen Präsidenten Sepp Blatter. «Der rechtskonservative Parlamen­tarier Maximilian Reimann hält seit Jahrzehnten schützend die Hand über die Fifa, der er sich eng verbunden fühlt. Sie gehöre zur Schweiz wie die Alpen, sagt er, mit Sepp Blatter ver­binde ihn so etwas wie eine Freundschaft.» Kurzum: «Man mag sich.»

Dann erscheint Reimann im Bild, sitzend in der Wandelhalle des Bundeshauses. Was folgt, ist ein Bekenntnis voller Verständnis und Zuneigung. «Wenn sich einer mit 79 Jahren noch einmal getraut, für vier weitere Jahre Fifa-Präsident zu sein, dann Hut ab vor diesem Mann. Dann ist er geistig wie physisch absolut top. Hut ab vor einem Typen wie Sepp Blatter, der in diesem Alter wie Adenauer oder Roland Reagan oder Napolitano aus Italien noch an der Spitze einer so wichtigen Institution steht.»

Reimann ist nicht der einzige Blatter-Bewunderer, der im am Montagabend ausgestrahlten, auf Youtube verfüg­baren ARD-Film «Der verkaufte Fussball» auftritt. So bezeichnet ihn etwa Osiris Guzman – von der Fifa einst wegen Korruption suspendierter ­Präsident des dominikanischen Fussballverbandes – als Visionär und stellt ihn in eine Reihe mit Winston Churchill, Nelson Mandela, Abraham Lincoln, dem Papst und Mutter Theresa.

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6. Mai 2015 at 14:01

Veröffentlicht in Die Südostschweiz

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«Only good for Chocolate»: WM mit Ruefer, Federer und Rickli

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WM-Kolumne93. Minute, Schweiz gegen Ecuador, Tor Haris Seferovic – die Fussball-Nationalmannschaft hat ihren Kopf im Startspiel der Weltmeisterschaft in letzter Minute noch aus der Schlinge gezogen. Trotzdem: Hat das Team von Ottmar Hitzfeld in Brasilien eine Chance? Oder ist es «only good for Chocolate»?

Eine WM-Kolumne, erschienen am 16. Juni 2014 in der Südostschweiz.

Das Spiel hat gestern Abend kaum begonnen, als sich mein Verständnis für Sascha Ruefer bereits erschöpft hat. Der SRF-Kommentator spricht von «Burschen» und auch sonst zu viel, Grund genug, den Ton auf stumm zu schalten und auf Twitter zu vertrauen. Dort allerdings, merke ich rasch, neigt man ebenso zur Übertreibung. «Shaqiri is a pure beast!! #monster», schreibt Twitter-User Northern Gunner, dabei hat unser Kraftwürfel in der 16. Minute doch nur einen ersten, völlig harmlosen Schuss abgegeben. Roger Federer braucht nicht bedauert zu werden. «Got doubles finals now with my partner @mchiudinelli33. During the swiss soccer game!!», hat der Tennisstar getwittert. Er verpasst wenig.

«Switzerland is only good for chocolate», stellt Sultan Purewal auf Twitter fest, nachdem Ecuador das 1:0 erzielt hat. Und das deutsche Fanmagazin «11 Freunde» tickert: «Die Schweizer wirken etwas unbeteiligt. Fast schon neutral.» Bei Twitter ist man sich einig, dass dies die schwächste aller bisherigen WM-Partien ist.

Vergessen wird zu diesem Zeitpunkt, was ich als Anhänger des FC Zürich schon seit dem 13. Mai 2006 weiss: Die wichtigste Spielminute einer Fussballpartie ist und bleibt die 93. Minute. Und tatsächlich: Valon Behrami kämpft wie damals Alain Nef, die Flanke von Ricardo Rodriguez ist so präzis wie jene von Florian Stahel, Haris Seferovic so kaltblütig wie Iulian Filipescu. Das Tor bringt der Schweiz nur zwei zusätzliche Punkte, noch nicht den Titel. Aber der Start ist geglückt. «Sooo geil!!!!», twittert nun sogar Natalie Rickli. Auch die SVP-Nationalrätin freut sich über die Kombination zum Tor. Sie hat über den Kosovo, Chile/Spanien und Bosnien geführt.

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Written by Dennis Bühler

16. Juni 2014 at 12:00

Veröffentlicht in Die Südostschweiz

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Politische Lachnummern

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Politische LachnummernStatt an der Frühjahrssession über die Geschicke des Landes zu bestimmen, feiern gewisse Politiker lieber Fasnacht. Das ist untragbar.

Ein als Kolumne getarnter Kommentar, erschienen am 9. März 2014 in der Schweiz am Sonntag (und tags darauf in der Nordwestschweiz / Aargauer Zeitung).

Am Mittwoch posierten sie in der «Südostschweiz» und der «Aargauer Zeitung» in ihren Fasnachtsmasken, die Pappnasen der CVP. Er ziehe jeweils mit seiner Schnitzelbank-Gesellschaft von Beiz zu Beiz, erzählte der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof. Und die Luzerner Nationalrätin Ida Glanzmann bekannte freimütig, am Dienstag sogar die Session geschwänzt zu haben. «Die Fasnacht ist wie ein Virus, der einen packt und nicht mehr loslässt», sagte sie. Und schien noch nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben.

Man könnte mit den Politikern mitlachen, wenn ihr Gebaren nicht zum Heulen wäre. Wer die Session wegen eines Fasnachtsumzugs schwänzt, nimmt seine politische Verantwortung nicht ernst. Die Session ist ja nicht bloss ein lässiges Stelldichein, bei dem Entscheide ohne jede Tragweite gefällt würden. Als Glanzmann ausschlafen musste, weil sie die ganze Nacht als Schlagersängerin Maja Brunner verkleidet durch die Luzerner Gassen gezogen war, diskutierte der Nationalrat etwa erstmals über die Folgen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative.

Am Donnerstag, als der Nationalrat ganz knapp per Stichentscheid des Präsidenten eine Lockerung der Waffenexportbestimmungen beschloss, war die Fasnacht in der Innerschweiz zwar vorbei. Glanzmann aber fehlte erneut. Statt die Interessen ihrer Wähler im Rat vertrat sie jene der CVP am Kongress der Europäischen Volkspartei in Dublin. Da Glanzmann wohl im Sinne der Waffenlobby gestimmt hätte, änderte ihr Fernbleiben nichts am Ergebnis. Doch es steht sinnbildlich dafür, wie ernst gewisse Politiker – nicht nur aus der CVP – den politischen Betrieb nehmen. Es gibt zu viele Clowns in Bundesbern.

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Written by Dennis Bühler

11. März 2014 at 16:12

Veröffentlicht in Aargauer Zeitung, Schweiz am Sonntag

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