Posts Tagged ‘Reportage’
Lammfinken, Felle, Krippenfiguren
Im Schatten des edelsteinernen Swarovski-Weihnachtsbaumes verkauft Amos Grädel Wollwaren. Seit seiner Geburt schläft er selbst auf Fellen, dereinst könnte er die Schaffarm der Eltern übernehmen.
Ein Schauplatz, geschrieben im Dezember 2011 am maz – Die Schweizer Journalistenschule (unveröffentlicht).
„Wir haben auch einen Onlineshop“, sagt Amos Grädel, Wollverkäufer aus 4953 Huttwil. „Oder, falls Sie am Wochenende mal Zeit haben: Ab zehn Personen bieten wir Betriebsführungen an. Da können Sie live dabei sein, wenn die Schafe geschoren werden.“ Die beiden Frauen, schwarz gekleidet, Brillen mit roten Rändern, – Schwestern wohl –, streichen ein letztes Mal über das golden schimmernde Lammfell, pflanzlich gegerbt, nicht waschbar. „Ja“, sagt die eine zur anderen, „das wäre etwas für unseren Mütterverein. Kann man auf Ihrem Hof auch übernachten?“
Schweiss und Schläge
Ein fehlender Mundschutz, ein ungerechter Ringrichter, eine Niederlage gegen den grössten Rivalen: Der Zürcher Shemsi Aslani gewinnt an der Karate-Schweizer-Meisterschaft nur die Bronzemedaille.
Eine Reportage, erschienen am 22. November 2011 im Tages-Anzeiger.
Auf der Tribüne brüllt der Vater und buhen die Teamkollegen, in der Ringecke tobt der Trainer. Shemsi Aslani aber bleibt ruhig. Sechs Sekunden müssen genügen, um den Rückstand aufzuholen. Die Hände ballt er zu Fäusten, mit wachsamen Augen umtänzelt er seinen Gegner. Plötzlich ein Vorpreschen, blitzschnell, lautes Angriffsgebrüll. Aslani wirft sich in seinen Gegner, der ausgestreckte Arm kracht in die Flanke. Dumpf klingt der Aufprall. Frenetisch ist der Jubel.
Die Stunde der Aussenseiter
Die Schweizer Piratenpartei tritt in sieben Kantonen zu den Nationalratswahlen in Bern an. Doch was fordern die Piraten? Und wie stehen ihre Chancen, den Überraschungscoup der Piratenpartei Berlin zu wiederholen? Ein Besuch beim letzten Piratenstammtisch vor der Wahl, gleich neben den Bahngeleisen in Winterthur, mag Aufschluss geben.
Eine Reportage, geschrieben gemeinsam mit Anna Miller und erschienen am 20. Oktober 2011 auf dem Internetportal Infosperber.
Es riecht nach Schweiss und Fett an diesem Abend, kurz vor Neun. Im Hinterzimmer des New Point Restaurants in Winterthur sitzen sie, zwölf Mitglieder der Piratenpartei Schweiz, an einem weiss gedeckten Tisch. Hier scheinen die Gesetze der Welt für einmal nicht zu greifen: Das Kebab-Imperium New Point verkauft hier alles, nur keinen Döner. Und die Piratenpartei kriegt weisse Tischdecken. Den ersten anwesenden Mitgliedern ist’s sichtlich unangenehm. Wenn die Piratenpartei eines nicht möchte, ist es, mit Oberflächlichkeiten zu punkten.
Erst mal wird gefeiert
ABSACKER Im „Clochard“ auf der Reeperbahn finden nicht nur Punks, Penner und Alkoholiker eine Heimat. 24 Stunden in einer Hamburger Kneipe, die seit 30 Jahren partout nicht schlafen will.
Eine Reportage, geschrieben gemeinsam mit Adrian Meyer und erschienen am am 24. September 2011 in der tageszeitung.
An einem Freitag, zur Mittagszeit, müffelt der Eingang nach Urin. Der Boden ist klebrig, lange bevor die Eskapaden des Wochenendes über die Reeperbahn hereinbrechen. „Rund um die Uhr geöffnet“ steht über der Tür. Daneben: „Die billige Kneipe auf derMeile“. Oben, im ersten Stockwerk, scheppert HeavyMetal aus den Boxen. Die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit im Raum. An den Wänden kleben Astra-Etiketten, Zeugnisse vieler leer getrunkener Flaschen. Der Dreck des Bodens frisst sich die Holzwände hoch. Der „Clochard“ schwitzt, von all dem Bier, den Tausenden gerauchter Zigaretten. Mitten im Raum wartet ein Kicker auf das nächste Spiel. Dahinter, in der dunkelsten Ecke, schummert bläulich das Licht einer Neonröhre: So sollen Junkies ihre Venen schlechter finden. Drei Punks und eine Barkeeperin mit schulterlangen, grauen Strähnen lagern am Tresen. Astra: 1,70 Euro, Korn: 90 Cent. Im Winter Schmalzbrote, gratis. Auf der Hausverbotsliste stehen Dutzende Namen, Kiez-Pseudonyme wie „Pommes“ oder „Jesus“. Wer diese Menschen wirklich sind, weiß hier niemand mehr.
Tischlern für die Bühne
REQUISITEN Im Sommer, in der vorführungsfreien Zeit, wenn die Zuschauer urlauben und die Schauspieler ihre Stücke proben, wird in der Werkstatt des Hamburger Thalia-Theaters am Bühnenbild gebastelt. Ein Besuch bei den heimlichen Künstlern in der Tischlerei.
Eine Reportage, erschienen am 30. Juli 2011 in der tageszeitung.
Laut kreischt die Drechselbank. Holzstaub wirbelt, Bretter knirschen, Späne fliegen durch die Luft. In Haufen fallen sie, geräuschlos, zu Boden. Christian Griems Hände fixieren den Spindelstock, spannen ein neues Tischbein ein, fräsen es mit einer Kerbe in Form.
Ihm über die Schulter lugt Peter Bruns, der Leiter der Tischlerei des Thalia-Theaters. Stolz ist er auf seine neue Maschine, die wuchtige Drechselbank, die man extra für „Macbeth“ angeschafft hat. Im Oktober feiert die Tragödie von William Shakespeare Premiere am Hamburger Staatstheater, im großen Haus am Alstertor. Schon am 2. September aber wird sie an der Ruhrtriennale in einer alten Zeche in Gladbeck uraufgeführt. Die Zeit drängt. Wenn die Vorführungen ruhen, die Zuschauer urlauben und die Schauspieler proben, wird in der Theaterwerkstatt geschuftet.
Ach, Mensch, Herr Erden
Kamil Erden hat eine 86-jährige Rentnerin sexuell missbraucht, eine weitere Frau vergewaltigt, bei einer dritten blieb es beim Versuch. Vom Hamburger Landgericht wurde der Triebtäter gestern verurteilt – und reagierte gleichgültig.
Eine Gerichtsreportage, geschrieben im Januar und Februar 2011 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Schwach schimmert die Sonne durch die staubigen Fenster in den Saal Nummer 209 des Hamburger Landgerichts. Kamil Erden, geboren am 23.8.1980, wird ins Zimmer geführt, die Handschellen werden ihm abgenommen, er setzt sich auf die Anklagebank in der Mitte des Raumes, seine dicken Hände legt er auf den grauen Tisch vor ihm. Die olivgrüne Jacke, die ihn noch dicker macht, zieht er nicht aus. Mein Mandant macht heute einen ausgesprochen schläfrigen Eindruck, sagt der Verteidiger. Herr Erden, haben Sie Drogen oder Medikamente zu sich genommen? Ein Beruhigungsmittel, sagt der Angeklagte, weil ich heute zum Richter musste. Seine Worte sind kaum zu verstehen, er brummelt, er nuschelt. Zudem habe ich die Medizin geschluckt, die ich täglich erhalte.
Herr Erden, drei Straftaten werden Ihnen zur Last gelegt, sagt der Richter. Und die Staatsanwältin, eine junge, gestrenge Frau mit langen blonden Haaren, schürzt die Lippen und beginnt in raschen Sätzen zu erzählen.


