Kalter Krieg im Internet
BOYKOTT Mehrere Spirituosen- und Tabakwarenhändler im Norden haben Ärger mit dem US-amerikanischen Bezahlsystem Paypal, weil sie Rum oder Zigarren aus Kuba anbieten. Jetzt feilen sie an einer Sammelklage.
Ein politischer Hintergrundbericht, erschienen am 03. August 2011 in der tageszeitung.
Auf einmal war das Paypal-Konto von SilkeWolf eingefroren. Dann beschwerten sich Kunden ihres Hamburger Spirituosengeschäftes, sie könnten ihre Einkäufe nicht mehr über das Internet-Bezahlungssystem abwickeln. „Das Ungemach begann ganz unvermittelt“, erinnert sich Wolf. In einer Mail begründete Paypal tags darauf kryptisch, das Spirituosengeschäft verstoße „gegen Richtlinien“. Wolf dachte zunächst an einen Irrtum. Ein Telefonat aber machte klar, dass der Kalte Krieg im Jahr 2011 erneut in Deutschland angekommen ist: US-amerikanische Unternehmen setzen das seit 1962 geltende Handelsembargo gegen Kuba nun auch hierzulande durch. (…) Und was meint eigentlich die kubanische Botschaft zu all diesen Vorgängen? „Diese neue Sache ist von geringer Bedeutung“, sagte sie der taz. „Kriminell sind die USA seit 50 Jahren.“
«Ätsch, wir können es viel besser»
AKZEPTANZ ODER DISKRIMINIERUNG Heute jährt sich das Lebenspartnerschaftsgesetz zum zehnten Mal: Fred und Thomas Rikkers gehören zu den ersten homosexuellen Paaren, die am 1. August 2001 in Hamburg geheiratet haben. Ein Gespräch über Verbalinjurien, Mütter als Trauzeuginnen und das Geheimnis der gelingenden Ehe.
Ein grosses Interview, erschienen am 1. August 2011 in der tageszeitung.
taz: Heute vor zehn Jahren haben Sie als eines der deutschlandweit ersten homosexuellen Paare in Hamburg-Altona geheiratet. In welchen Klamotten?
Fred Rikkers: Wir trugen beide schwarze Lederhosen. Wir wollten heiraten, wie wir uns wohlfühlen. Im Anzug zu heiraten, wäre für uns nicht in Frage gekommen.
Thomas Rikkers: Im Anzug? Eine richtige Horrorvorstellung. Das machen ja alle so. Sicherlich war auch eine Portion Rebellion dabei. Aber wir tragen nun mal gerne Lederfetisch-Klamotten, das wollten wir nicht verheimlichen.
Aber Ringe haben Sie schon getauscht?
Fred: Ja, abgesehen von unserer Kleidung war die Prozedur eigentlich ganz klassisch.
(…)
Hat es damals gleich gefunkt zwischen Ihnen?
Thomas: Eigentlich war ich zu dieser Zeit nicht bereit, mich zu verlieben. Ich hatte mich gerade erst von meinem damaligen Partner getrennt und wollte erst einmal die Freiheit genießen. Aber Fred hat es einfach geschickt angestellt: Ich habe bei ihm übernachtet, er musste aber früh zur Arbeit. Er hat mir seinen Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt und mich ermutigt, mich umzudrehen und weiterzuschlafen. So hat er mir signalisiert: Bleib mal hier, du bist erwünscht!
Und bald waren Sie ein Herz und eine Seele?
Thomas: Fred hat ein Problem, er ist HIV-positiv. Das hat er mir drei Wochen, nachdem wir uns kennengelernt haben, erzählt – ganz vorsichtig, mit fragendem Blick: Na, stehst du jetzt auf und gehst? Ich bin geblieben. Dass er mich so rasch in sein Geheimnis eingeweiht hat, zeigte mir, dass schon ein tiefes Vertrauen da war. Unsere Beziehung hat das weitergebracht.
Tischlern für die Bühne
REQUISITEN Im Sommer, in der vorführungsfreien Zeit, wenn die Zuschauer urlauben und die Schauspieler ihre Stücke proben, wird in der Werkstatt des Hamburger Thalia-Theaters am Bühnenbild gebastelt. Ein Besuch bei den heimlichen Künstlern in der Tischlerei.
Eine Reportage, erschienen am 30. Juli 2011 in der tageszeitung.
Laut kreischt die Drechselbank. Holzstaub wirbelt, Bretter knirschen, Späne fliegen durch die Luft. In Haufen fallen sie, geräuschlos, zu Boden. Christian Griems Hände fixieren den Spindelstock, spannen ein neues Tischbein ein, fräsen es mit einer Kerbe in Form.
Ihm über die Schulter lugt Peter Bruns, der Leiter der Tischlerei des Thalia-Theaters. Stolz ist er auf seine neue Maschine, die wuchtige Drechselbank, die man extra für „Macbeth“ angeschafft hat. Im Oktober feiert die Tragödie von William Shakespeare Premiere am Hamburger Staatstheater, im großen Haus am Alstertor. Schon am 2. September aber wird sie an der Ruhrtriennale in einer alten Zeche in Gladbeck uraufgeführt. Die Zeit drängt. Wenn die Vorführungen ruhen, die Zuschauer urlauben und die Schauspieler proben, wird in der Theaterwerkstatt geschuftet.
48 Kästen Freibier – und keiner geht hin
Ortstermin: Der Hamburger Bund der Steuerzahler gibt einen aus.
Ein Schauplatz, erschienen am 8. Juli 2011 in der tageszeitung.
Nun steht Schweitzer in der Geschäftsstelle zwischen Alster und Mönckebergstraße und wartet. Doch die Leute wollen nicht kommen. Wenigstens einer ist da, „ein Promi“, wie Schweitzer sagt. Wieland Schinnenburg, Vizepräsident der Bürgerschaft, nippt an einem Alsterwasser. „Der Staatsanteil muss verringert werden“,sagt der Liberale, „und das Renteneintrittsalter deutlich über 67 hinaus erhöht werden.“ Schweitzer nickt.
Um 19 Uhr nimmt Schinnenburg seinen letzten Schluck und verabschiedet sich zu einer Sitzung. Nun ist Schweitzer wieder allein, flankiert nur von seinen drei Mitstreitern der Geschäftsstelle und einem Hund, der sich in eine Ecke verzogen hat und alle Viere von sich streckt. Das Bier wird lauwarm, die Atmosphäre im grellen Licht der Neonröhren nicht gemütlicher.
Ein Leisetreter mit grossen Plänen
BERLIN Nach dem Aufstieg mit Hertha Berlin in die 1. Bundesliga soll es nun der EM-Titel mit der U-21 sein: So will der Luzerner Fabian Lustenberger die Saison krönen.
Ein Porträt aus Berlin, erschienen am 10. Juni 2011 in der Neuen Luzerner Zeitung.
Fabian Lustenberger ist kein Blender, keiner, der grosse Töne spuckt. Lieber lässt er Leistung sprechen. Er ist zufrieden, wenn andere im Scheinwerferlicht stehen, andere die Zeitungsspalten füllen und er seine Ruhe hat. Deshalb erstaunt es umso mehr, wenn einer wie Lustenberger sagt: «Ich will mit der U-21 in Dänemark Europameister werden. Wer sich keine hohen Ziele setzt, kann auch zu Hause bleiben.»
Rückblende. Berlin, ein Abend Mitte Mai, strömender Regen. Fabian Lustenberger lädt zum Gespräch in eine schmucklose Pizzeria in Stadionnähe, an einen Ort, an dem der noble Stadtteil Charlottenburg wenig glamourös ist. Am Nachmittag hat er per SMS gefragt, ob seine Freundin zum Interview mitkommen dürfe, nun bestellt Fabian Apfelschorle und Lasagne, Monique Pfefferminztee und Thonsalat. Im August wird der 23-jährige Innerschweizer erstmals Vater, in einem Alter, in dem andere Fussballprofis noch um die Häuser ziehen, das schnell verdiente Geld und den neuen Ruhm zur Schau stellen. Die anstehenden Ferientage vor dem Zusammenzug der U-21 wolle er zu Hause bei den Eltern in Nebikon verbringen, erzählt er, bei Mutter Monica und Vater Hans. Fast treibt ihn schlechtes Gewissen um, wenn er vom bevorstehenden Kurzurlaub ohne Anhang auf Mallorca erzählt, der für die Spieler von Hertha BSC Belohnung für die Leistungen der abgelaufenen Saison sein soll. Mit den Mitspielern und Trainer Markus Babbel Sangria und Weissbier feiernd am Ballermann – es fällt schwer, sich Lustenberger so ausgelassen vorzustellen. «Wichtig ist, fit für die U-21-EM zu bleiben», sagt er.
Ach, Mensch, Herr Erden
Kamil Erden hat eine 86-jährige Rentnerin sexuell missbraucht, eine weitere Frau vergewaltigt, bei einer dritten blieb es beim Versuch. Vom Hamburger Landgericht wurde der Triebtäter gestern verurteilt – und reagierte gleichgültig.
Eine Gerichtsreportage, geschrieben im Januar und Februar 2011 an der Hamburg Media School (unveröffentlicht).
Schwach schimmert die Sonne durch die staubigen Fenster in den Saal Nummer 209 des Hamburger Landgerichts. Kamil Erden, geboren am 23.8.1980, wird ins Zimmer geführt, die Handschellen werden ihm abgenommen, er setzt sich auf die Anklagebank in der Mitte des Raumes, seine dicken Hände legt er auf den grauen Tisch vor ihm. Die olivgrüne Jacke, die ihn noch dicker macht, zieht er nicht aus. Mein Mandant macht heute einen ausgesprochen schläfrigen Eindruck, sagt der Verteidiger. Herr Erden, haben Sie Drogen oder Medikamente zu sich genommen? Ein Beruhigungsmittel, sagt der Angeklagte, weil ich heute zum Richter musste. Seine Worte sind kaum zu verstehen, er brummelt, er nuschelt. Zudem habe ich die Medizin geschluckt, die ich täglich erhalte.
Herr Erden, drei Straftaten werden Ihnen zur Last gelegt, sagt der Richter. Und die Staatsanwältin, eine junge, gestrenge Frau mit langen blonden Haaren, schürzt die Lippen und beginnt in raschen Sätzen zu erzählen.



